Herman Anders Krüger

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Bibliothek für Zeitgeschichte / Themenportal Erster Weltkrieg / Tagebücher


Herman Anders Krüger (1871-1945), Schriftsteller und Politiker. Im Ersten Weltkrieg Reserve-Offizier und Inspekteur mehrerer Kriegsgefangenenlager in Frankreich.


Elektronische Reproduktion seiner Kriegstagebücher, 1914-1918:

Die Typoskripte befinden sich unter der Archivsignatur N23.3 in der Lebensdokumentensammlung der Bibliothek für Zeitgeschichte / Württembergische Landesbibliothek und können im Sonderlesesaal eingesehen werden. In diesem Konvolut befinden sich neben mehreren militärischen Karten und einigen Dokumenten zu den Kriegsgefangenenlagern noch die Tagebücher eines französischen Kriegsgefangenen und eines belgischen Zwangsarbeiters, beide mit Übersetzung (Verfasser unbekannt). Kontakt: bfz@wlb-stuttgart.de


Herman Anders Krüger in Uniform

Einleitung

Kurzbiografie

von Tobias Thelen, 2024

Herman Anders Krüger wurde am 11. August 1871 in Dorpat (Estland, heute Tartu) als drittes Kind des Herrnhuter Missionars und Predigers Carl Hermann und Emma Eleonore (Buck) Krüger geboren. Die Familie kehrte kurz nach seiner Geburt nach Deutschland zurück. Auf Wunsch des Vaters besuchte er von 1891-1893 das theologische Seminar der Brüdergemeinde in Gnadenfeld (Schlesien). Anschließend studierte er bis 1898 in Leipzig Geschichte, Nationalökonomie, Germanistik, Geographie und Bibliothekswissenschaften. Im Anschluss an sein Studium mit abschließender Promotion war Krüger von 1898 bis 1904 als Lehrer und im Museums- und Bibliothekswesen beschäftigt, publizierte aber auch in dieser Zeit schon als Schriftsteller und Literaturkritiker. Sein Hauptwerk, der Roman "Gottfried Kämpfer", erschien 1904. Ein Jahr später folgte seine Habilitation an der Technischen Hochschule in Hannover, wo er ab 1909 als Professor für deutsche Literaturgeschichte wirkte. Seine politischen Ambitionen begannen in Dresden beim Jungliberalen Reichsverein und den Nationalliberalen. 1910 kandidierte er ohne Erfolg für den Reichstag.

Für Herman Anders Krüger begann der Krieg im September 1914 als Leutnant im Reserve-Ersatz-Regiment Nr. 4, wo er u.a. für die Quartierssuche, Requirierungen und das Führen des Kriegstagebuchs zuständig war. Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Brüssel wurde das Regiment Ende Oktober bei der Ersten Flandernschlacht eingesetzt. Auch Krüger fand sich in vorderster Linie wieder und erlebte die Schrecken des Stellungskrieges aus nächster Nähe (vgl. z.B. Tagebuch I, S. 29 f.). Durch die Strapazen und die widrigen Bedingungen an der Front, verschlechterte sich seine körperliche Verfassung, so dass er im Januar 1915 krankheitsbedingt nach Gent ins Lazarett kam. Sein erstes Tagebuch endet mit dem Abtransport in die Heimat.

Der zweite Tagebuchband setzt im Dezember 1915 ein. In einem Oldenburger Lazarett erreichte in der Befehl, in Frankreich ein neues Kommando anzutreten. Krüger wurde zuvor noch für kurze Zeit an der Ostfront eingesetzt. Das Jahr 1915 war von gesundheitlichen Beschwerden und Lazarettaufenthalten gezeichnet. Aufzeichnungen über seinen Einsatz in Russland finden sich in Krügers handschriftlichem Tagebuch, das im Privatarchiv der Familie Krüger verbleibt.

Sein neues Quartier bezog er in Brieulles-sur-Meuse, wo er Inspekteur mehrerer Kriegsgefangenlagern der "Maasgruppe West" wurde. Hier war er für die Organisation der Lager, in denen vor allem französische und auch russische Soldaten interniert wurden, zuständig. Diesen Posten behielt Krüger bis Kriegsende. Seine Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind eine aufschlussreiche Quelle zur Organisation und zu den Zuständen in den Kriegsgefangenenlagern in Frankreich. So beschäftigte ihn Anfang 1917 ein Befehl des Kriegsministeriums zur Errichtung von so genannten Repressalien-Lagern. Als Reaktion auf Berichte über den Tod mehrerer deutscher Kriegsgefangenen bei Arbeitseinsätzen im Frontbereich sollten nun französische Kriegsgefangene im Einzugsbereich der Artillerie untergebracht werden. Er hielt das Vorgehen für falsch, führte den Befehl aber letztendlich aus (vgl. Tagebuch III, S. 4 ff.).

Im Herbst 1918 rückte die Niederlage des Deutschen Reichs näher. Krüger äußerte sich besorgt über die zunehmende Disziplinlosigkeit der Soldaten, Diebstähle, Plünderungen von Lebensmitteldepots und den immer deutlicher zu Tage tretenden Spannungen zwischen Offizieren und Mannschaften, die zuweilen in Handgreiflichkeiten gipfelten. Eindrücklich werden die Auflösungszustände und das Zusammenbrechen der militärischen Ordnung beschrieben (vgl. z.B. Tagebuch IV, S. 98 ff.). Nach dem Waffenstillstand am 11. November führte Krüger die ihm unterstellten russischen Gefangenen und Wachkompanien nach Deutschland zurück. Auf dem langen Heimmarsch ließen sich viele der Soldaten von der Novemberrevolution in Deutschland inspirieren und bildeten Soldatenräte. Krüger hatte größte Mühe, seine Leute zusammenzuhalten, die sich ihm zum Teil feindselig gegenüberstellten. Sein Abschied aus dem Militärdienst fiel entsprechend bitter aus (vgl. Tagebuch IV, S. 104 ff.).

In der Heimat angekommen, erfolgte am 26. November Krügers Wahl in den Gothaer Volksausschuss. Neben seiner politischen Karriere als DDP-Politiker im thüringischen Landtag war Krüger von 1921 bis 1925 Direktor der Landesbibliothek in Gotha. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Die NS-Zeit verlebt Herman Anders Krüger in seinem Heimatort Neudietendorf, wo er bis zu seinem Tod im Dezember 1945 schriftstellerisch tätig war.

Anmerkungen zu den Tagebüchern

von Arndt Kruger, 2023

Tagebuch I: "Tagebuchaufzeichnungen aus den Kämpfen um Ypern", 08.09.1914-13.01.1915

Herman Anders Krüger schickte insgesamt 77  Postkarten und 3 Briefe sowie das eigentliche laufende Tagebuch an seine Frau Marie in Hannover und nach dem Umzug der Familie im Herbst 1915 nach Neudietendorf bei Erfurt.

Marie Krüger hatte zuvor bereits viele Manuskripte für ihren Mann auf ihrer Victoria-Schreibmaschine abgetippt und so tat sie das auch mit den Postkarten und Briefen in der Reihenfolge, in der sie bei ihr ankamen. Daher ist die Reihenfolge der Karten und Briefe mitunter nicht chronologisch.

Das Kriegstagebuch 1914 beginnt mit den Postkarten Nr. 1-65, dann setzt das eigentliche Tagebuch am 25. Oktober ein und wird unterbrochen durch Postkarteneinschübe:

  • Seite 37a: Nr. 67-69 (Nr. 66 existiert anscheinend nicht)
  • Seite 43b: Nr. 70-73
  • Seite 49: Nr. 74-76
  • Weitere Briefe finden sich auf den Seiten 44b-44d
Krüger (stehend) auf dem Dach des Justizpalastes in Brüssel, 1914

Das Tagebuch ist von 1-71 paginiert, hinzukommen die eingefügten "a, b, c, d" Seiten. Häufiger wurden zwischen ein bis drei Durchschläge angefertigt. Die vollständig durchnummerierte Version wurde später teilweilweise von Krüger mit schwarzer Tinte handschriftlich überarbeitet. Die dramatischen/ traumatischen Kriegserlebnisse um den 30. Oktober wurden 1925 in seinen Roman “Die sieben Räudel” eingearbeitet (vgl. Handschriftliche Tagebücher, 2. Band, 15. Juli 1925). Viele der Änderungen bzw. Streichungen machen diesen Text bisweilen schwierig zu verstehen.

Deshalb wurde die Entscheidung getroffen, die Durchschläge des unbearbeiteten Textes einzufügen. Um den ursprünglichen Text zu erhalten, musste allerdings die Paginierung von 1-71 z.T.  handschriftlich eingefügt werden. Auf einigen Seiten befinden sich auch noch kleinere Nachträge bzw. Korrekturen, die alle von Krüger selbst stammen. Teilweise gibt es auch Unterstreichungen mit rotem Stift, die ebenfalls von ihm stammen.

Als Beilage findet sich auch ein Gedicht: “Der Landwehr Abschied”, das Krüger in den frühen September Tagen mit patriotischem Eifer verfaßte. “Dem Liede selbst fehlt die Sorgfalt, es ist zu flüchtig hingeworfen”, wie er selbst am 28. Aug. 1914 bekannte. Nach der ziemlich breiten Veröffentlichung des Gedichts wurde es später vertont und als Lied verbreitet.

Tagebuch III: "Kriegstagebuch : Brieulles vor Verdun, 1917", 08.01.1917-01.01.1918

Im dritten Band findet sich eine interessante Eintragung zu dem rechts abgebildeten Foto aus "Des Deutschen Volkes Kriegstagebuch" (Band 8, 1914). Am 05.03.1917 schreibt Krüger: "Hauptmann Gross fand vorne eine französische Zeitung, in der auch das flanderische Feldbild von mir enthalten war. Unterschrift 'Deutsche Offiziere und Soldaten schiessen vom Turm einer kleinen Stadt auf anrückende Franzosen.' Schade, dass die kleine Stadt das große Brüssel, der Turm der Justizplalast und die anrückenden Franzosen aufrührerische belgische Zivilisten gewesen sind. Dieses Zufallsbild eines glücklichen Armeephotographen geht wirklich um die ganze Welt."

Tagebuch IV: "Kriegstagebuch : Dun vor Verdun, 1918", 21.01.-22.12.1918

Der vierte Band endet nach Krügers Heimkehr und seiner Wahl in den Gothaer Volksausschuss auf Seite 114 mitten im Satz. Die fehlende Seite oder auch Seiten sind nicht erhalten.


Karten