Herman Anders Krüger

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Bibliothek für Zeitgeschichte / Themenportal Erster Weltkrieg / Tagebücher / Herman Anders Krüger


Auszüge aus Krügers handschriftlichen Tagebüchern

Im Folgenden finden sich Textauszüge aus den handschriftlich geführten Tagebüchern von Herman Anders Krüger. Diese Tagebücher befinden sich im Privatarchiv der Familie Krüger.


Das Kriegsjahr 1915 (1. Band, 1900-1921, S. 132 f.)

21. Januar 1915

Mitte des Monats bin ich krank heimgeschickt worden. Man pflegte mich mit Liebe, umhegt mich mit Achtung und möchte einen Helden aus mir machen. Ich schweige, lächle und denke an Goethes bitteres, aber wahres Wort:

      Der Lorbeerkranz ist, wo er dir erscheint

      Ein Zeichen mehr des Leidens als des Glücks.

24. März 1915

Endlich ist’s Frühling geworden, vor acht Tagen noch ein halber Fußschnee und 40° Kälte, heute 15° Wärme im Schatten und am Nachmittag das erste Gewitter. Ich war bei Mutter und den Schwestern, habe mein Kriegshäusel fast fertig auf der Neudietendorfer Krügerei begrüßen dürfen, aber die Rückkehr zum alten Regiment ward mir nicht vergönnt. Die Nase musste operiert werden und die Wunde heilt schlecht, ein Mittelohrkatarrh kam hinzu, endlich schrieb der zur Zeit führende Regimentskommandeur, Major von der Tann, er habe genügend Offiziere und brauche mich nicht. Das Gegenteil schrieb mein lieber zweiter Kommandeur, Oberstleutnant von Stutterheim, der noch krank in Gent weilt. Er will mich gern zurückhaben. Ich habe mich für nächste Woche dem Generalkommando zur Verfügung gestellt und muss dessen Entscheidung abwarten. Die alte Elastizität kommt nicht wieder.

20. Mai 1915

Sechs Wochen habe ich in Oldenburg beim eine 90. Infanterieregiment die erste Kompanie geführt und eine schwere Blutvergiftung am linken Arm, die ich mir angeblich durch einen Granatsplitter bei einer belgischen Nachtübung, vielleicht aber durch Impfung zugezogen hatte, gut überstanden. Nun bin ich auf Pfingsturlaub kurz bei den meinen. Nur Klaus, mein ältester, fehlt ,er ist seit Ostern in Niesky, der neunte Schüler aus unserer Krügerei. Von meinem Spezialarzt bin ich nun freigesprochen worden und habe mich heute Vormittag beim Generalkommando für den italienischen Feldzug gemeldet, da ich ja leidlich italienisch sprechen kann. Vielleicht kann ich so dem Vaterland abermals Frontdienste leisten, auch wenn die Kräfte geringer sind als beim Beginn des belgischen Feldzuges. Italiens Nöte verstehe ich vielleicht mehr als andere. Es heißt dort entweder Hungersnot und Revolution oder Krieg, und Leute, die am Krieg verdienen wollen, gibt es nachgerade genug in Europa und vollends im alten Schacherlande Italien, in dem wohl die Masse törichter und leidenschaftlicher ist als irgendwo. Wieder gilt es für uns, dem Bruder Österreicher aus der Patsche zu helfen. Aber man sollte beizeiten (und noch im Kriege) dafür sorgen, dass dieser sogenannte Bruderstaat ebenso fest unter deutsche Oberhoheit (militärisch wie zollpolitisch!!) käme, wie seiner Zeit Bayern anno 1870-71.

.......Der Frühling in der kleinen Residenz Oldenburg mit ihren herrlichen Gärten, Parks und den weiten Reitwegen war ein göttliches Geschenk für mich. Auch liebe Kameraden, so den künstlerisch fein gebildeten ersten Staatsanwalt Riesebieter und dem humorvollen Zahnarzt Weicherdt, vor allem eine mütterliche Pflegerin, Schwester Wilhelmine und eine Kriegspatin Elise Klussmann bescherten diese Wochen mir. So ward ich wieder langsam gesund und beinahe jung, so dass die alte Lust zum Erleben, zum Abenteuer unwiderstehlich wach wurde, trotz aller furchtbaren Erinnerungen von Ypern.

Der 8. August 1915

Der erste Kriegssonntag des zweiten Kriegsjahres; das Herz ist leichter geworden, Warschau und Iwangorod sind gefallen, die Netze Hindenburgs für den russischen Fischzug sind sauber gelegt und ziehen sich genau zusammen. Vom 2. bis 12. Juli weilte auch ich draußen im Osten vor Kowno vor Wilkowyszky, war überglücklich mit 500 Oldenburger an dem großen Vormarsch teilnehmen zu dürfen – der kommandierende General Litzmann hatte es mir fest versprochen mich draußen behalten zu wollen. Da kam telegrafisch Befehl des hannoveranischen Generalskommandos, ich solle sofort zurückkehren und meine Rückkunft telegrafisch melden. So war es aus mit dem russischen Feldzug für mich, noch ehe es richtig begonnen hatte. Ich war tief traurig und gehorchte nur sehr schweren Herzens. Nun sitze ich wieder in Munsterlager und bereite die dritte Kompanie des Übungsbataillons Graf von Marveldt ebenso eingehend für den Feldzug vor wie vor sechs Wochen die erste Kompanie, mit der ich so fröhlich nach Russland fuhr. Die Arbeit ist die gleiche, aber die Lust daran nicht ganz so die alte, denn ich habe keine Hoffnung mehr, noch einmal ins Feld zu kommen. Heute feiert meine kleine Ursel zum achten Mal ihr Wiegensfest, Vater musste dazu auf Urlaub kommen. Er tat es viel zu gern, obwohl ich mich von der zweiten Mittelohrentzündung und den Geschwüren, die wohl wieder mit der Vergiftung zusammenhängten, noch nicht recht erholt habe und ungern als Halbtauber zu Hause weile und meiner guten Frau Sorgen bereite. Sie hat jetzt gerade genug; die zwei Buben sind faul und das neue Haus in Neudietendorf macht Kopfzerbrechen, zumal nun auch sein Baumeister, Karl Wippricht junior als Pionier nach Kehl geht, der große Umzug steht vor der Tür, der zweite Sohn, Henning soll auch ins Pensionat nach Niesky – kurz der Blick in die Zukunft ist düster, zumal jetzt die Einnahmen fehlen. Aber man denkt jetzt nur ans Vaterland und an seine großen Sorgen und darüber vergisst man die eigenen kleinen Nöte und wird innerlich still und froh. Wie viel zu danken bleibt gerade uns, wenn wir an andere vaterlose Familien denken, und doch hätte ich auch gern mein Leben dem Vaterland geopfert.

Neudietendorf den 3. Oktober 1915

Der erste Sonntag im “Kriegshäusel”, ........Übermorgen kehre ich nach Oldenburg zurück, um hoffentlich wieder bald ins Feld zu kommen. Eine Kompanieführerstelle beim mobilen Landsturmbataillon Uelzen bot man mir an, ich nahm telegrafisch an, aber dann erhielt ich Bescheid, das Generalkommando, das ja seine besonderen Gedanken über uns hat, habe mich erst für die nächste Stelle “vorgemerkt”. Also Geduld, Geduld!


Erwähnung der Kriegstagbücher (2. Band, 1922- 1930)

15. Juli 1925

Die braunen Völkischen konnten mir gar keinen größeren Gefallen erweisen, als sich kürzlich in zwei Parteigrüppchen zu spalten, dadurch musste nämlich der schon einberufene Landtagsausschuss wieder unverrichteter Dinge auseinandergehen, was zwar dem armen Lande wieder Geld kostet, mir alten Egoisten aber schönste Gelegenheit gab, an meine “Sieben Räudel”zurückzukehren, mit denen ich seit Abreise meiner Frau und Kinder nach Rügen gut im Zuge bin. Das erste Buch des dreistöckigen Werks “im alten Reich” ist wahrhaftig und glatt fertig geworden, und nun steuere ich mit vollen Segeln in das Kriegsbuch, Nummer zwei hinein. Um in das Milieu hineinzuwachsen, musste ich endlich nach gut zehn Jahren an die bisher von mir noch niemals berührten Kriegsniederschriften gehen, die damals meine Frau brav in Maschinenschrift übertragen hat. Nun sehe ich erst, kühler geworden, was ich eigentlich alles erlebt und welchen Bodensee ich überritten habe. Und doch graut mir mehr vor dem Dritten Buch “nach dem Kriege”, weil da mir die Distanz die nun einmal der Dichter für die Gestaltung des Erlebten braucht, am meisten fehlen wird. Soll ich aber darauf warten, kann es mir geschehen, dass ich mein bisschen Schaffenskraft verloren habe, denn 54 ist nicht mehr 34. Im übrigen werde ich nicht sobald an das dritte Buch kommen, denn das zweite hat seine Tücken, das merke ich schon und außerdem will ich ja nach Russland. Die Kommunisten haben des öfteren prahlend zu uns nichtsozialistischen Abgeordneten gesagt: “komm doch mit und seht euch das bolschewistische Russland selber an”, da habe ich sie festgenagelt und erklärt: “Bitte, verschafft mir nur die Einreiseerlaubnis und Sicherheit, dann komme ich viel zu gern mit nach meinem unglücklichen Geburtsland Russland, dessen auswärtige Politik unter Tschitscherin mir zur Zeit fast allein in Europa imponiert”. Wie gut und erfolgreich hat er das Instrument des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu handhaben verstanden, und welche Stümper sind dagegen die Diplomaten der Entente und den USA? Also nur hinaus und lernen, solange es die alten, etwas lahmen Ischias-Kriegsknochen noch aushalten. Die Zeit kommt früh genug, wo es gilt, das Erlebte zu gestalten oder gar an den Tatzen zu saugen.