Theodoer Zuhöne

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Bibliothek für Zeitgeschichte / Themenportal Erster Weltkrieg / Tagebücher


Theodor Zuhöne (rechts) im Reserve-Feldlazarett 48 (La Neuville)

Theodor Zuhöne (1877-1952), Regimentsarztes aus Damme (Niedersachsen).


Der Dammer Arzt Dr. Theodor Zuhöne hat Anfang der 1920er Jahre seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg anhand seiner Tagebücher niedergeschrieben. In der publizierten Edition von Jürgen Kessel wird der Text ergänzt durch einen umfangreichen Anhang mit den Einsatzorten, einem Personen- und Ortsregister, einer Biographie Zuhönes und einem Bildteil, der eine Auswahl aus 300 Fotos Zuhönes gibt, sowie einem Fremdwörter- und Abkürzungsverzeichnis; 294 S., über 100 sw. Abb.


Die publizierte Print-Version ist in der Württembergischen Landesbibliothek ausleihbar: „Jetzt gehts in die Männer mordende Schlacht...“: das Kriegstagebuch 1914 - 1918 / von Theodor Zuhöne. [Bearb. und hrsg. im Auftrag des Dammer Heimat-Vereins „Oldenburgische Schweiz“ von Jürgen Kessel]. - Damme: [Dammer Heimat-Verein "Oldenburgische Schweiz"], 2002. - 291 S. : Ill., Kt.; Signatur: 63Ca/80831.

Das Original-Tagebuch befindet befindet sich im Stadtmuseum Damme, eine Kopie davon unter der Signatur N13.2 in der Lebensdokumentensammlung der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek und kann im Sonderlesesaal eingesehen werden. Kontakt: bfz@wlb-stuttgart.de Kontakt: bfz@wlb-stuttgart.de


Einleitung

von Jürgen Kessel

Der 37jährige Verfasser des Tagebuches verließ am ersten Mobilmachungstag seinen Heimatort Damme und begab sich unverzüglich nach Braunschweig, wo sich der praktische Arzt am 3. August 1914 beim Reserve Infanterieregiment 73 zum Dienst meldete. Er überschritt beim Vormarsch mit seiner Truppe am 26. August die französische Grenze; als Leiter des Reserve Feldlazaretts 48 betrat er unweit dieser Stelle am 7. November 1918 beim Rückzug wieder belgisches Gebiet. Am 23. Dezember leitete er in Hannover die Demobilisierung seiner Abteilung ein; nach 53 Monaten an der Front kam er am 29. Dezember 1918 wieder in Damme an.

Entlausungsaktion

Im Zuge des Einsatzes seines Regiments wurde er als Bataillonsarzt nach dutzendfachen Verlegungen an verschiedenen Frontabschnitten in Frankreich zwischen Flandern und dem Elsass eingesetzt; von Mai bis September 1917 war Zuhöne mit seiner Truppe nach Kurland an die Düna-Front postiert worden.

Das Tagebuch basiert auf zeitnahen Notizen, die von Zuhöne nach dem Krieg zusammengefasst und bearbeitet wurden, ohne dass mitgeteilt wird, warum es dazu kam. Anfänglich sind es täglich nur wenige Zeilen; Ruhezeiten des Regiments wurden zu einem kurzen Nachrichten-Block zusammengefasst. Die Ereignisse in diesen seit Oktober 1914 zum Grabenkrieg erstarrten Kämpfen notierte er an oder unmittelbar hinter der Frontlinie. Die harten Wechsel von Frontgeschehen und Kampfpausen sind nicht geglättet. Die weitgehend leidenschaftslosen Schilderungen folgen aufeinander: Das tägliche Grauen von Trommelfeuer und Grabenkampf, Tod und Verwundung, Sieg und Niederlage steht neben den Mitteilungen über gesuchte Normalität und Geselligkeit beim Essen und Trinken, an Skat- und Bierabenden, bei Feiern im Offizierskasino und Ausritten oder Spaziergängen in sicherem Gelände sowie bei Ortbesichtigungen in den Ruhepausen des Regiments.

Für Abwechslung in der Routine sorgten die wenigen Truppen- und Lazarett-Inspektionen, die Abkommandierung zu Gas-Kursen in Dessau und Berlin, die Behandlung von Zivilisten während der Verlegungen in der Etappe oder die sechs gewährten Heimaturlaube. Diese zwei, später drei Wochen dauernden Auszeiten werden von der Berichterstattung ausgespart; nur aus einem Hinweis lässt sich entnehmen, dass er in diesen Zeiten meist Patienten seiner Praxis betreute.

Ausführlicher werden die Eintragungen im Verlauf des Kriegsjahres 1917 und noch einmal mehr in den letzten drei Kriegsmonaten. Dann nehmen auch kommentierende Bemerkungen zu, ohne dass die distanzierte Darstellung aufgegeben wird: Die schwere ärztliche Arbeit, die Art der Verwundungen, das bei Soldaten und Offizieren zunehmende „Kanonenfieber“, die häufiger werdenden Verluste in seiner Umgebung oder im Bekanntenkreis, die Dezimierung und Auflösung seines Regiments und vieles andere werden ebenso beiläufig behandelt wie die extremen Bedingungen durch Wetter und in Behelfsunterkünften, die verliehenen Kriegsorden oder die eigenen Erkrankungen.

Nur selten gestattet sich Zuhöne – ohnehin sparsame – ironische Bemerkungen, etwa beim Auftreten von Mitgliedern des Herrscherhauses oder hoher Militärs an der Front. Etwas emotionsgeladener fällt die Schilderung im letzten Kriegsjahr aus, als er sich beispielsweise mit seinem Bruder hinter der Flandern-Front oder mit seiner Nonne gewordenen Schwester trifft, als er weit ausführlicher als bei anderen Stadtbesuchen in der Etappe den Besuch von Brügge wiedergibt, als die Unterversorgung an Helfern und Material nicht mehr zu überbrücken ist, als er die Evakuierungen der verbliebenen Zivilbevölkerung aus der Kampfzone erlebt oder als er die ersten Auflösungserscheinungen nach dem Waffenstillstand registriert.

Immer spürbar bleibt, dass Zuhöne sich seiner Position als Offizier und Akademiker bewusst war und dass er die wenigen Freiheiten dieser privilegierten Position an der Front wahrnahm, wohl wissend, dass sein Leben wie das aller Kriegsteilnehmer stündlich in Gefahr war – und das nicht nur dann, wenn unter Artilleriebeschuss weiteroperiert wurde. Es gibt im Tagebuch keine Hinweise darauf, dass er sich außerhalb des Systems gestellt oder es hinterfragt hätte. Bezeichnend ist, dass selbst in extremen Frontlagen Platz blieb, um von Begegnungen mit Bundesbrüdern seiner Studentenverbindung zu berichten. Nachdem die vierjährige Tortur des Krieges überstanden und selbst Rückzug und Demobilisierung ordnungsgemäß abgewickelt waren, kehrte Zuhöne in seinen bürgerlichen Beruf als Hausarzt und in seine Position als Angehöriger der (Dorf-)Elite zurück. Ob und wie Zuhöne diese überstandenen Jahre – über den Rahmen dieses Tagebuches hinaus – verarbeitet hat, ist nicht bekannt; seine Arztpraxis führte  er bis zu seinem Tod 1952.