Hans von Winterfeldt

Aus WLB Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche


Bibliothek für Zeitgeschichte / Themenportal Erster Weltkrieg / Tagebücher


Hans von Winterfeldt (zweiter v. r.) mit dem Stab der 4. Division, 22. April 1915

Hans von Winterfeldt (1862-1931), Generalleutnant und Oberquartiermeister in Flandern und an der Ostfront.


Als Kommandeur der 37. Reserve-Infanterie-Brigade (Herbst 1914 – Winter 1915), Oberquartiermeister bei der 7. Armee (Winter 1914/15), Kommandeur der 8. Infanterie-Brigade (Frühjahr 1915 – Anfang 1916) und Oberquartiermeister bei der 8. Armee (Frühjahr – Herbst 1916) war Hans von Winterfeldt an der Westfront, an der Ostfront, in den Karpaten und im besetzten Kurland (Mitau) eingesetzt.

Der vorliegende erste Teil der Aufzeichnungen von Hans von Winterfeldt umfasst die Zeit von August 1914 bis Anfang Oktober 1916. Der zweite Teil des Werks ist verschollen.

Tagebuch-Reinschrift (elektronische Reproduktion)

Das Original-Tagebuch befindet sich unter der Signatur N16.4 in der Lebensdokumentensammlung der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek und kann im Sonderlesesaal eingesehen werden. Kontakt: bfz@wlb-stuttgart.de


Einleitung

von Christian Westerhoff

Seiten 492-493 des Tagebuchs mit Fotos aus dem besetzten Baltikum, April 1916

Im Mai 2016 erwarb die Bibliothek für Zeitgeschichte das Kriegstagebuch von Hans von Winterfeldt, deutscher Generalleutnant und Oberquartiermeister im Ersten Weltkrieg. Bei dem Tagebuch handelt es sich um eine zentrale, bisher in der Fachwelt völlig unbekannte Quelle einer wichtigen Persönlichkeit des Ersten Weltkriegs. Über die Provenienz des Werkes ist leider nichts bekannt.

Winterfeldt hat seine „Erlebnisse“ in chronologischer Reihenfolge notiert. Die vorliegende Fassung ist eine nach 1918 angefertigte Reinschrift seiner während des Krieges verfassten Tagebücher. Die Reinschrift umfasst insgesamt 637 Seiten. Im vorderen Einband findet sich ein Exlibris des Autors. Den Text ergänzen 371 eingeklebte und mit Unterschriften versehene Fotos von Kriegsschauplätzen, Kameraden, Paraden, Einsatzorten und Dienstwohnungen. Darüber hinaus sind Kartenskizzen einmontiert.

Hans Karl von Winterfeldt (*29. März 1862 in Berlin, † 10. Oktober 1931 in Potsdam) war verheiratet mit Lilly von Bohlen-Halbach, der Schwester des Industriellen Krupp von Bohlen-Halbach. Winterfeldt stammte aus einer Adelsfamilie, die viele Militärs hervorgebracht hat. Zu seinen Vorfahren gehörte Hans Karl von Winterfeldt (1707-1757), preußischer Generalleutnant und enger Freund Friedrichs des Großen. Auch Hans von Winterfeldt schlug früh eine militärische Laufbahn ein. Er besuchte von 1891 bis 1894 die Kriegsakademie und diente in zahlreichen Regimentern und Korps, unter anderem im Generalstab des XIV. Armeekorps in Karlsruhe und im Infanterie-Regiment 114 in Konstanz.

Winterfeldt wird in der Regel vor allem mit seiner Tätigkeit als Stabschef beim Generalgouverneur in Brüssel in den Jahren 1916-1918 in Verbindung gebracht. Der vorliegende erste Teil seines Tagebuchs berichtet von seinen vorausgegangenen militärischen Verwendungen in den Jahren 1914-1916. Über den Verbleib des zweiten Bandes ist leider nichts bekannt.

Zu Beginn des Krieges wurde Winterfeldt von seinem Posten als Kommandeur des Braunschweigischen Infanterie-Regiments Nr. 92, den er seit 1912 innehatte, abberufen. Mit seiner neuen Einheit, der 37. Reserve-Infanterie-Brigade, erlebte er die Invasion Belgiens, die Schlacht an der Marne und den Übergang zum Stellungskrieg. Im Winter 1914/1915 diente er als Oberquartiermeister der 7. Armee, die zu dieser Zeit bei Charleville kämpfte. Im Frühjahr 1915 wurde er dann zur Südarmee an die Ostfront abkommandiert. Als Kommandeur der 8. Infanterie-Brigade war er an der großen Offensive der Mittelmächte beteiligt, welche die russischen Truppen aus Österreich-Ungarn vertrieb. Nach einer Zwischenstation an der Westfront im Winter 1915/1916 kehrte er im Frühjahr 1916 an die Ostfront zurück. Als Oberquartiermeister der 8. Armee sollte er den Wiederaufbau Kurlands fördern und gleichzeitig für die wirtschaftliche Ausnutzung des Landes zu Gunsten der deutschen Kriegswirtschaft sorgen. In diesem Kontext ordnet er am 25. September 1916 Zwangsrekrutierungen an, um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen. Im Oktober 1916 folgte schließlich Winterfeldts Versetzung zum Generalgouvernement Belgien.

Im Tagebuch gibt es für fast jeden Tag einen eigenen Eintrag. Minutiös beschreibt Winterfeldt, was vorgefallen ist. Selbst seinen persönlichen Tagesablauf skizziert er zuweilen, so z.B. am 19. April 1916: „8 [Uhr] aufstehen und gutes Frühstück […], Vormittags bis 12 [Uhr] arbeiten mit allen möglichen Leuten, die Anliegen haben; […] 8 [Uhr abends] Essen, wieder im kleinen Kreise, danach Billardspiel bis ½ 11 [Uhr], und dann Klappe“. Als hoher Offizier führte Winterfeldt auch im Krieg ein komfortables Leben mit gutem Essen, repräsentativen Unterkünften und Freizeit-Vergnügungen.

Hans von Winterfeldt (rechts in dunkler Uniform) beim Besuch von Kaiser Wilhelm II. in Mitau am 30. Mai 1916

Interessant sind Winterfeldts Beobachtungen und teils kritischen Äußerungen zur Kriegführung. An der Düna – im heutigen Lettland – konstatiert er beispielsweise am 10. Mai 1916, dass der Stellungskrieg an der Westfront mittlerweile wesentlich intensivere und schonungslosere Züge angenommen habe als an der Ostfront.

Die Folgen des schon fast zwei Jahre andauernden Krieges für den Umgang mit Menschenleben, von Zivilisten wie Soldaten, beschäftigen ihn. Als eine seiner ehemaligen Einheiten im Mai 1916 vor Verdun kämpft, freut ihn zwar, dass Höhe 304 erstürmt wurde. Er befürchtet jedoch gleichzeitig, dass solche Geländegewinne nur mit einem hohen Blutzoll zu erreichen sind, auch wenn dies die offiziellen Berichte nicht widerspiegeln würden (S. 515).

Das Kriegstagebuch Hans von Winterfeldts gibt auf einmalige Weise Einblick in die Erfahrungen, die er während der Jahre 1914 bis 1916 sammelte. Aufgabe der Forschung ist es, diesen Erfahrungshorizont näher zu ergründen und herauszufinden, welche Rückwirkungen diese Prägungen auf seine anschließende Tätigkeit in der deutschen Besatzungsverwaltung in Belgien hatten. Auch mit Blick auf die deutsche Besatzungspolitik in Kurland stellen Winterfeldts Notizen eine sehr wichtige Quelle dar, da die entsprechenden Aktenbestände des preußischen Kriegsministeriums im April 1945 bei einem Luftangriff zerstört wurden und nur wenige vergleichbare private Aufzeichnungen vorliegen. Schließlich vermitteln Winterfeldts Äußerungen auch einen Einblick in das Leben und die Perspektive eines hohen adligen Militärs, der an unterschiedlichsten strategischen Entscheidungen des Ersten Weltkriegs beteiligt war.