Otto Wilerzol

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Bibliothek für Zeitgeschichte / Themenportal Erster Weltkrieg / Tagebücher


Die Titelseite des ersten Bandes von Otto Wilerzols Kriegserinnerungen

Otto Wilerzol (1897-?), Soldat im 18. Infanterie-Regiment in Frankreich und Belgien.


Otto Wilerzol wird im Herbst 1916 zum Kriegsdienst eingezogen. Als einfacher Soldat im 18. Infanterie-Regiment erlebt er den Ersten Weltkrieg an verschiedenen Einsatzorten in Frankreich und Belgien. Nach Kriegsende beginnt Wilerzol seine Erlebnisse niederzuschreiben. Diese unveröffentlichten Erinnerungen liegen in zwei handschriftlichen Bänden vor:

Kriegserinnerungen (elektronische Reproduktion), Band 1

Kriegserinnerungen (elektronische Reproduktion), Band 2

Die Original-Tagebücher befinden sich unter der Signatur N19.12 in der Lebensdokumentensammlung der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek und können im Sonderlesesaal eingesehen werden. Kontakt: bfz@wlb-stuttgart.de


Einleitung

von Tobias Thelen, Stuttgart 2020

Otto Wilerzols Erinnerungswerk mit über 500 handschriftlichen Seiten ist eine interessante Ergänzung der Sammlung von Lebensdokumenten zum Ersten Weltkrieg in der Bibliothek für Zeitgeschichte, da der Verfasser ein einfacher Soldat im Mannschaftsrang war. Häufiger erhalten sind hingegen Aufzeichnungen von Offizieren.

Mit dem Aufschreiben seiner Erinnerungen begann Wilerzol bereits im Februar 1919, also kurz nach Kriegsende. Allerdings konnte er seine Arbeit erst im Mai 1922 zum Abschluss bringen. Über den Entstehungsprozess des Werkes ist weiter nichts bekannt. Es ist durchaus möglich, dass Wilerzol während des Krieges ein Tagebuch geführt hat. Die genauen Angaben von Daten und Orten sprächen dafür. Es kann aber auch sein, dass ihn bei der Rekonstruktion der Ereignisse Kameraden unterstützten. Eine Truppengeschichte seines Regiments anhand von amtlichen Unterlagen wurde erst 1929 publiziert und konnte deshalb nicht von ihm zu Rate gezogen werden.

Schilderung von Artillerie-Beschuss (Auszug aus Band 1, S.154-155)

Bei den vorliegenden Bänden handelt es sich augenscheinlich um eine Reinschrift. Korrekturen innerhalb des Textes sind selten und wenn, dann sehr sorgfältig ausgeführt. Erhalten sind zudem zwei Briefe ehemaliger Kameraden, denen er seine Erinnerungen vorgelegt hatte und die seine Ausführungen wohlwollend kommentierten.

Geboren wurde Otto Wilerzol 1897. Seine Familie war während des Krieges in Essen und in Lutzerath (Kreis Cochem) ansässig. Er selbst wohnte bis zum Eintritt ins Militär vermutlich in Köln, wo er in einem Zigarrengeschäft arbeitete. Dort erreichte ihn auch im Herbst 1916 der Musterungsbefehl. Wilerzol war folglich kein Kriegsfreiwilliger, sondern wurde 19-jährig zum Kriegsdienst bei der Infanterie eingezogen.

Die militärische Grundausbildung erhielt Otto Wilerzol in Idar in der Pfalz und beim 3. Bataillon der Infanterie-Ersatztruppe Beverloo in der belgischen Provinz Limburg. In den Textstellen zur Ausbildungszeit nehmen die Spannungen zwischen den Mannschaftsrängen und Unteroffizieren einen großen Raum ein. Die namentlich genannten Vorgesetzten werden ungewöhnlich offen und scharf kritisiert. Diese Kritik an Unteroffizieren und Offizieren findet sich auch in den Beschreibungen des Kriegsalltags immer wieder. Ein Zeichen dafür, dass es sich bei dem Erinnerungswerk wohl eher um einen Text handelt, der für einen kleinen Leserkreis gedacht war. Offensichtlich fiel es Wilerzol schwer, sich unterzuordnen und in die militärische Hierarchie einzupassen: „Es war vielleicht ein intuitives Gefühl für meinen inneren Groll den ich oft empfand, weil man sich von Menschen Vorschriften machen laßen mußte, die in jeder Beziehung, was die einfachste Bildung anbetraf – weit unter einem standen.“ (Bd. 1, S. 149)

Im März 1917 wurde Wilerzol dem 18. Infanterie-Regiment zugeteilt, das zur 41. Infanterie-Division gehörte. Diese Division, noch bis Februar 1917 an der Ostfront in Rumänien eingesetzt, war kurz vor seinem Eintreffen nach Lothringen versetzt worden. In der bereits völlig zerschossenen Stadt Audun-le-Roman stieß Wilerzol zu seiner neuen Einheit und kam zum 1. Bataillon des Regiments.

Im Verlauf des Krieges wurde Wilerzol an verschiedene Orte der Westfront kommandiert. Häufig war er einem der Tragetrupps zugeteilt, die die vorderen Stellungen mit Lebensmitteln und Munition zu versorgen hatten. Mit schweren Lasten mussten er und seine Kameraden sich – häufig unter Artilleriefeuer – durch das unwegsame Gelände arbeiten, um die Schützengräben zu erreichen. Aber auch er selbst lag mehrere Male im vordersten Graben. Sein Regiment kämpfte im Mai 1917 bei der als „Schlacht an der Aisne“ bekannten französischen Frühjahrsoffensive um den Höhenzug Chemin des Dames.

Anfang 1918 wurden die Truppen nach Westflandern in Belgien verlegt, wo ihnen neben dem ständigen Beschuss durch die britische Artillerie zusätzlich der schwere Lehmboden zu schaffen machte. Für die „Michael-Offensive“, der letzten Großoffensive an der Westfront, kam das Regiment im März 1918 zurück nach Frankreich an die Somme. Die deutsche Armeeführung wollte dort mit den nach dem Waffenstillstand mit Russland und Rumänien an der Ostfront freigewordenen Kräften die Entscheidung im Westen erzwingen. Die Offensive endete im April nach verlustreichen Kämpfen mit dem Abbruch. Ende Juli wurde Wilerzol während eines Artillerie-Beschusses durch einen Splitter an der Schulter verwundet. Nachdem seine Verletzung weitestgehend verheilt war, kam der Autor zur Genesenden-Kompanie des 18. Infanterie-Regiments nach Osterode (Ostpreußen), der Garnisonsstadt des Regiments. Fernab der Front erlebte Wilerzol hier das Kriegsende. Von Rückzug und Niederlagen erfuhr er durch die Heeresberichte. An den Unruhen der Revolution, die ab November durch große Teile des Deutschen Reiches wogte, beteiligte er sich anscheinend nicht.

Am 29.11.1918 wurde Wilerzol aus der Armee entlassen und machte sich auf den Weg zu seiner Familie nach Lutzerath, das in der amerikanischen Besatzungszone lag. Hier traf Wilerzol zum ersten Mal auf amerikanische Soldaten. Meist verstand er sich ausgezeichnet mit den einquartierten Besatzern – die deutschstämmigen sieht er als Verführte der Politik von Präsident Wilson: „Was hatten diese Menschen, die zwar in amerikanischen Uniformen steckten, aber zum Teil deutscher Abstammung waren, mit der Politik zu tun, die ein unehrlicher Mann durch lügenhafte Behauptungen verleitet hatte, in den Krieg zu ziehen, gegen ein Volk, das ihnen stammverwandt war.“ (Bd. 2, S. 231)

Trotz der Schrecken des vergangenen Krieges und der entbehrungsreichen Nachkriegszeit blickt Wilerzol am Ende seiner Erinnerungen positiv auf die kommenden Jahre. Was die Folgezeit für ihn bereithielt, ist nicht bekannt.