Hugo Neumeister
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Hugo Neumeister, Schreibstuben-Unteroffizier und Sanitäter im Landwehr-Infanterie-Regiment 3 an der Ost- und Westfront, 1915-1918
Eine elektronische Reproduktion der Kriegserinnerungen ist unter dem folgenden Link verfügbar: http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/kxp1935237888
Eine Transkription ist unter dem folgenden Link verfügbar: http://wlb-stuttgart.de/projekte/themenportal-erster-weltkrieg/tagebuch-neumeister/abschrift
Einleitung
von Maksymilian Tomasz Kuźma
Hugo Neumeister wird am 20. September 1879 geboren. Er lebt 1914 in Berlin und verbringt auch während des Krieges seine Urlaube bei verschiedenen Familienmitgliedern in der Hauptstadt. Er hat eine Frau (Name unbekannt) und eine Tochter (Hilde). Als Kaufmann tätig, wird er am 11. April 1915 einberufen und meldet sich am nächsten Tag zum Dienst. Nach seiner Ankunft in Königsberg findet er sich in kameradschaftlicher Gesellschaft wieder und beschreibt ausführlich die Grundausbildung. Er wird dem Ersatz-Bataillon Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 3, 2. Kompanie zugeteilt.
Das Tagebuch Neumeisters ist im Präteritum verfasst und sehr leserlich geschrieben. Gleichzeitig weist das Buch keine Verunreinigungen auf. Inhaltlich wird Unwesentliches meist übersprungen, stattdessen werden bestimmte Erinnerungen und die übergreifende Stimmung stärker geschildert. Oft wird der Text stilistisch blumig, humoristisch oder expressiv. Zusätzlich sind viele Fotos eingefügt, die er während des Dienstes gesammelt hat. Stellenweise liest sich der Text eher wie ein Abenteuerbericht. Es sind entweder nur positive Ereignisse wiedergegeben oder sie werden nachträglich positiv dargestellt. So berichtet er, dass er eine schwere Krankheit mit seinem „eisernen Willen“ nach 14 Tagen weggesteckt habe. Wahrscheinlicher ist, dass er sich in der Situation nicht sicher war, ob er überleben würde. Es handelt sich hier mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um ein Tagebuch aus der Kriegszeit, sondern um eine Abschrift, die nach dem Krieg entstanden ist und den Charakter von Memoiren hat.
Aufgrund seiner kaufmännischen Qualifikation wird Neumeister zum Schreibstuben-Unteroffizier. Er gibt selber zu, dass ihm das im Verlauf des Krieges einen „Drückposten“ verschafft. Nach seiner anfänglichen Stationierung bei Šiauliai, dt. Schaulen (heut. Litauen) meldet er sich am 15.8.1915 freiwillig zum Sanitätsdienst. Er wird der 1. Reserve-Sanitäts-Kompanie, 1. Reserve-Division, 1. Reserve-Korps, 8. Armee zugeteilt und bleibt bis zum Ende des Krieges Sanitäter. In dieser Funktion wird er in allen möglichen unterstützenden Rollen eingesetzt: Pionierarbeit, Wache oder Sichtung. Und obgleich er nicht als Kombattant an Kampfhandlungen beteiligt ist, beschreibt er oft, dass er und seine Einheit inmitten eines Gefechts die Verwundeten evakuieren müssen.
Neumeister beschreibt in seinen Erinnerungen gerne andere Soldaten mit denen er dient, oder auch besondere Festlichkeiten wie Weihnachten oder die Geburtstage des Kaisers. Er wird immer gut mit Proviant versorgt. Im Juni 1916 wird seine Einheit nach Galizien verlegt, wo er neben Österreichern und Türken dient. Während sich die Österreicher teilweise durch Feigheit auszeichnen, sind die seiner Meinung nach Türken „kleine, muntere, mutige und fantastische Kerle“. Die russischen Soldaten greifen die Verteidiger immer wieder an schwer befestigte Maschinengewehrstellungen an. Nach anfänglicher Verwunderung über diese aussichtslose Taktik, spricht sich herum, dass die Russen Soldaten erschießen, die sich weigern, gegnerische Stellungen zu stürmen. Im April 1917 nimmt Neumeisters Einheit einen Russen gefangen, der ihnen vier Tage lang beim Bau ihres Unterstandes hilft. Er beschreibt ihn als einen tüchtigen Arbeiter, der von den schlechten Bedingungen in der russischen Armee genug hatte.
Im Mai 1917 notiert Neumeister, dass die Verpflegung des Deutschen Heeres immer mangelhafter wird und es deshalb schon zu Desertionen kommt. Trotz der schwierigen Umstände hat er kein Verständnis für die lothringischen „halbe[n] Franzosen“, die sich „zum Russen“ flüchten, was die Animositäten unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Deutschen Reiches aufzeigt. Nicht nur Lebensmittel werden zu diesem Zeitpunkt rationiert. Im Juni notiert Neumeister, dass von deutscher Seite auch nicht geschossen werden soll, um die Munition für die Westfront einzusparen.
Die Versetzung an die Westfront erfolgt im Dezember 1917. Dabei quartieren sich die Soldaten bei der Zivilbevölkerung ein. Das führt zu starker Anspannung wegen kursierender Gerüchte über Meuchelmorde an deutschen Soldaten. Nach einer Stationierung bei Kortrijk begleitet Neumeister die Frühjahrsoffensive 1918 und ist an der „Kemmelschlacht“ beteiligt, womit wohl die Vierte Flandernschlacht gemeint ist. In den nächsten Monaten flüchtet Neumeisters Einheit bis an die Maas. Interessanterweise sind die Begegnungen mit der belgischen Zivilbevölkerung während der Flucht eher angenehm als nicht. Neumeister erklärt das anhand der „viele[n] Vorteile“ wie der erhöhten Brot- und Zuckerrationen unter deutscher Besatzung.
In den letzten Kriegstagen klagt Neumeister über das nutzlos vergossene deutsche Blut der letzten vier Jahre. Erst am 16. Dezember 1918 kommt Neumeister bei seiner Familie an und muss erst tagelang seine Nerven beruhigen, bevor er sich an die neuen Verhältnisse wieder gewöhnt. Sein Dienst ist jedoch noch nicht zu Ende. Im April 1919 wird seine Division in Berlin eingesetzt, um die Hauptstadt „von den Spartakisten [zu] räumen“. In seinem Schlusswort wünscht er sich die Rückkehr eines Mannes wie Bismarck, der Deutschland wieder zu „Glück, Reichtum, Ansehen und Ehre führe“.
Literatur & Links
- Neumann, Hellmuth: Die Geschichte der Königlich Preußischen 1. Reserve-Infanterie-Division, Osterode (Harz), 1933. Link: https://kpbc.umk.pl/dlibra/publication/edition/250009?id=250009 (Stand: 01.12.2025).
- Rudolph, Kurt: Geschichte des Preußischen Landwehr-Infanterie-Regiments Nr. 3 (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter / Ehemals preußische Truppenteile, Bd. 239), Berlin 1928. Link: http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/bsz500653208 (Stand: 01.12.2025).