Johann Joseph Männlein
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Johann Joseph Männleich (1884-1952), Soldat im königlich bayerischen 6. Infanterie-Regiment an der Westfront 1916/1917.
Die einzelnen Hefte sind unter den folgenden Links frei zugänglich in den Digitalen Sammlungen der Württembergischen Landesbibliothek zu finden:
Die Originale befinden sich unter der Signatur N21.8 in der Lebensdokumentensammlung der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek und können im Sonderlesesaal eingesehen werden. Kontakt: bfz@wlb-stuttgart.de
Einleitung
von Tobias Thelen, Stuttgart 2022
Johann Joseph Männlein (1884-1952) wurde in München geboren und war im fränkischen Bamberg wohnhaft. Im zivilen Leben Lehrer, wurde er im Ersten Weltkrieg eingezogen und fand sich als Gefreiter im königlich bayerischen 6. Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ an der Westfront wieder.
Der Krieg führte ihn im Juni 1916 von Nürnberg aus zunächst an die bitter umkämpfte Front der Schlacht um Verdun und anschließend in die Argonnen. Als Soldat in einer Maschinengewehr-Kompanie lernte er den Krieg in den vorderen Stellungen kennen. Mitte September des Jahres wurden die Männer aus der Verdun-Front herausgezogen und gegen die englischen Truppen an der Somme eingesetzt. Im Oktober ging es zu einem weiteren bedeutsamen Kriegsschauplatz – in den Norden Frankreichs bei Lille.
In drei mit Bleistift geführten Notizheften hielt Männlein seine Beobachtungen von seinem Ausmarsch im Sommer 1916 bis einschließlich Dezember des Jahres detailliert fest. Ab Jahresbeginn 1917 finden sich nur noch sporadische und knapp gehaltene Eintragungen im dritten und letzten vorliegenden Heft. Offenbar handelt es sich bei den Tagebüchern nicht, wie oft, um nachträglich angefertigte Reinschriften, sondern um die Originale aus dem Krieg. Die Unmittelbarkeit der Tagebücher, die offensichtlich nicht nachträglich verändert wurden, verleiht ihnen einen besonderen Quellenwert. Weltanschauliche Themen und die Sinnhaftigkeit militärischer Operationen spielen in den Aufzeichnungen kaum eine Rolle. Es finden sich vor allem ausführliche Beschreibungen in den Heften. Der Alltag in der Etappe, das Leben und Sterben in den Schützengräben, die Verpflegungssituation an der Front sowie Spannungen mit Vorgesetzten sind die Themen, die Männlein beschäftigen.
Exzerpte
Anm.: Auslassungen werden durch […] und Unleserliches durch [?] markiert. Die Rechtschreibung wurde aus der Vorlage übernommen. Die Abb. 02 und 03 stammen aus der bereits oben zitierten Geschichte des königlich bayerischen 6. Infanterie-Regiments von Georg Lang.
Erster Band
Chaumont bei Verdun, 24.07.1916
"Wer in Stellung geht, muß mit seinem Leben vorher abgeschlossen haben. Der Anmarsch kann nur unter dem schrecklichsten u. schwersten französ. Artilleriefeuer erfolgen. Es gibt keine Schützengräben, sondern nur Granatlöcher, in den man den ganzen Tag liegen muß ohne sich blicken zu lassen; empfohlen wurde uns von dem mitgenommenen Wasser zu nippen, da damit zu gerechnet werden muß, daß man nichts zubringen kann. Durst ist also mit zu ertragen bei der jetzigen Hitze.“ Link zur Textstelle
Chaumont bei Verdun, 27.07.1916
„Unser Quartier besteht aus einem zerschossenen Schloß rechts an der Straße nach Chaumont ca 10 Minuten von der Ortschaft entfernt. Um das Schloß zieht sich ein Graben, der jetzt im Sommer die lieblichsten Düfte ausstrahlt. In dem schlammigen Wassergraben in der Höhe unseres ‚idealen‘?? Quartiers lag ein schon längst verwester Pferdekadaver. Überall liegen Berge von Mist u. Unrat u. große Schmutzpfützen helfen das schöne Bild vervollständigen.“ Link zur Textstelle
Chaumont bei Verdun, 30.07.1916
„Rückkehr unserer Leute von der Ablösung. Der Tod sah ihnen aus den Augen.“ Link zur Textstelle
Chaumont bei Verdun, 01.08.1916
„Wieder fürchterliche Hitze u. entsetzliche Fliegenplage. Dabei darf ich von gestern 9 Uhr abends bis heute 8 Uhr abends das kleine Wachlokal nicht verlassen. Man wird förmlich aufgefressen von den Fliegen u. ist vollständig machtlos.“ Link zur Textstelle
Chaumont bei Verdun, 03.08.1916

„Fäller hat vor einigen Tagen das Gewehr fortgeworfen. Er mußte nochmals in Stellung u. heute kam die traurige Nachricht, daß er gefallen ist. – Die Leute haben vor Durst Granatlöchern getrunken, wo neben Leichen lagen. Einer erzählte mir ([?]), er habe versucht seinen eigenen Urin zu trinken. Das rostige Wasser des Gewehrmantels haben die Leute getrunken.“ Link zur Textstelle
Cornay, 09.08.1916
„Die Fahrt bei Tage entbehrte nicht des Interessanten u. Anziehenden. Sie erweckte in allen die Sehnsucht nach der Heimat, vermutlich ein vorbeifahrender D-Zug nach Deutschland, der voll war von Urlaubern. Ähnliche Sehnsucht lockte manchem ein Lazarettzug hervor. Die Truppen, die uns begegneten, waren meistens auf dem Wege nach Verdun. Für uns ein unglückliches Wohlgefühl, die Gefahr bereits bestanden zu haben. […]
Einige interessante Befehle:
Schwarze u. Engländer verdienen kein Vertrauen bei ihrer Gefangennahme. Ich (Div.) befehle keine Gefangenen zu machen.
Rgtsbef. v. 3. August. Die Drückebergerei reißt ein. Jeder Drückeberger ist zu erschießen.“
Cornay, 10.08.1916
„Erfolgreiche Requisition verschiedener Gebrauchs- u. Einrichtungsgegenstände. z.B. Bettgestell, einen neuen Strohsack, ein französisches Seitengewehr. Das Mittagessen bestand heute aus sehr zähem Lammfleisch, sodaß ich mit einer Büchse (mehr Fingerhut) Ölsardinen u. einer Flasche Apfelwein meinen Kohldampf vertreiben mußte.“ Link zur Textstelle
Cornay, 13.08.1916
„Heute wurde Postsperre vom Oberkommando verhängt, weil verschiedene Leute Sachen über Stellungen u.s.w. geschrieben hatten. Es waren von Oben Stichproben gemacht worden, die zu der Maßnahme führten.“ Link zur Textstelle
Cornay, 14.08.1916
„Gestern habe ich mich in einem mir angewiesenen Quartier niedergelassen, heute ging es wieder in ein anderes. Da muß man dann immer wieder seinen ganzen Krempel zusammenpacken. Nicht einmal einen Stuhl u. Tisch hat man zum Essen. Man legt sich auf den Boden u. genießt so seine Kost. Es fehlt also gar nichts an einem richtigen Zigeunerleben nur mit dem einen großen Unterschied, daß der Zigeuner frei ist. Überall sieht man außerdem, daß die U.O. doch schon Herren sind u. überall zuerst kommen u. dann, was das Schlimmste ist, auf dich herabschauen mit Wollust u. Genugtuung.“ Link zur Textstelle
Cornay, 30.08.1916
„Am 28. abends bei Bekanntwerden der Kriegserklärung Rumäniens Hurrarufe der Franzosen, Blasen der Trompeten, Abschiessen von hunderten v. Leuchtkugeln. Bei uns fordern die Nachbarregimenter Sperrfeuer an, das ordentlich losfetzt u. das franz. M.G. Feuer, das auch loslegte, zum Schweigen brachte.“ Link zur Textstelle
Zweiter Band
Cheppy, 09.09.1916
„Daß es im Schützengraben auch Betrunkene geben kann, davon habe ich mich heute überzeugt. Übrigens war auch von unseren Gewehrführern u. von den Leuten je einer betrunken. Es gibt nämlich öfters, man merkt gleich die Nähe der Norddeutschen (XVI. A.K., zu dem wir hier auch gehören), zu Cafe u. Tee Rum. Davon haben sich die Leute ganze Kochgeschirre zu verschaffen gewußt, um dann natürlich einen fürchterlichen Affen zu bekommen. Und wie der in einem Schützengraben wirkt, läßt sich denken.“ Link zur Textstelle
Cheppy, 10.09.1916

„In der Nacht von 9/10. lebhafte Patrouillenkämpfe. Handgranaten, Infanterie u. MG Feuer. Das MG rechts von uns hat 2 mal geschossen u. dadurch das feindliche Artilleriefeuer auf sich gelenkt. Der Gewehrführer (Gefr. [?]) wollte gestern am hellichten Tage über den Schützengraben hinaus zu den Franzosen hinüber (in seinem Affen natürlich). Das Essen Mittag war gestern u. heute herzlich schlecht. Dazu erhielten wir nur einen 1/2 Laib Komiß für die beiden Tage für den anderen 1 Säckchen Zwieback pro Mann. Seit gestern hört man wieder die verschiedensten Gerüchte über unsere nächste Verwendung. (Verdun – Somme – Rußland – Italien) mehr kann man ja gar nicht verlangen. Daß wir in allernächster Zeit fortkommen, steht ja fest. Unser 12köpfiges Arbeitskommando ist bereist abgelöst worden. Wir haben auch bereits neue Gewehre erhalten. Da kanns also wieder von Neuem losgehen. Heute schießen sie den ganzen Tag Minen. Es ist ein sehr interessanter Anblick, wenn man auf dem Vauquois-Berg das Abschießen der Minen beobachtet. Der kahle Berg mit seinen schwarzen Rauchwolken erinnert an Abbildungen des Vesuv[s].“ Link zur Textstelle
An der Somme, 16.09.1916
„Vorgestern haben die Engländer, einen Angriff gemacht mit 2 Panzerautos, dahinter die geschlossene Sturmkolonne. Verwendung von Flammenwerfer. Riesige Verluste.“ Link zur Textstelle
An der Somme, 20.09.1916
„Nebenbei erhält man einen kleinen Einblick in das Leben u. Treiben höherer Stäbe. Einer erzählte, daß bereits der Regimentskommandeur mit seinem Stabsarzt in seinem Unterstand bei gedeckter Tafel vor 5 Flaschen Wein saß. Der Herr Brigadier bekommt heute Abend ein gebratenes Huhn u. was sonst sein Herz begehrt. Für die zum Brigadestab Kommandierten darf aber nicht in seiner Küche gekocht werden. […]
Die Leute, die von der Stellung kommen, sehen entsetzlich dreckig aus. Was mögen sie neben dem schrecklichen Feuer bei dem regnerischen Wetter bei Tag und Nacht ausstehen. Proviant, Selterwasser u Wein wird den Leuten in die Stellung vorgeschafft. Auch die Offiziere sehen schrecklich aus. Morgen werden es 8 Tage, daß ich mich nicht mehr gewaschen habe. Man soll sich ja nicht sehen lassen, da man eingesehen ist. Bei Nacht schlafe ich jetzt wieder schlecht, weil mich das Ungeziefer schrecklich plagt, das nun mit einem lebt u. wächst, zumal da Mann neben Mann liegt.“ Link zur Textstelle
Bapaume (Somme), 24.09.1916
„Seit heute Nacht beschießen die Engländer Bapaume. Während des Tages wiederholen sich stündlich die Feuerüberfälle (ca. 6-8 Schuß) auf die Straßenkreuzung, an der unser Häuschen liegt. Wir flüchteten immer in den gastlichen Stollen des Landsturmpionierbataillons uns gegenüber. Manche Schüsse sitzen ganz in der Nähe. Offenbar soll die Stadt zusammengeschossen werden. Vielleicht sind es bisher nur Warnschüsse für die Civilbevölkerung. In einem Städtchen in der Nähe gaben die Engländer der Bevölkerung dadurch zu verstehen, den Ort zu verlassen. Der Bürgermeister, der dies Zeichen kannte u. unseren Truppen verheimlichte, wurde nachträglich verhaftet.“ Link zur Textstelle
An der Somme, 26.09.1916
„Plötzlich ertönt oben der Ruf: ‚Sie kommen.‘ Ja wer? Die Engländer. Wir stürzten aus dem Stollen, warfen Gewehr u. Gerät auf die Brustwehr u. machten uns schußbereit. Fast hätten wir geladen, verleitet durch das Geschrei der anderen. Da sahen wir die Straße langsam nach aber zahlreich unsere Leute zurückgehen. Infanteristen, Maschinengewehr, Sanitäter. An der Straße stellten sich Hptm. Staubwasser auf u. zwang die zurückkehrenden Leute unsern Bau zu besetzen. Englische Flieger hatten die Bewegung verfolgt. Wir erhielten Granat- u. Schrapnellfeuer, sogar ein Flieger schoß mit seinem Gewehr auf uns. Wir konnten ihn nicht beschießen, da wir zu wenig Munition u. keinen Schlitten hatten. Da vorerst kein Engländer kam, zogen wir unser Gewehr in Deckung zurück, da die Granaten sehr nahe am Graben krepierten. Die Splitter flogen im Graben umher, einige verwundete Kameraden der vorderen Linie (einer am Fuß verletzt, der andere hatte Splitter am Kopf (durch den Stahlhelm), am Arm, Hüfte u. Füßen). Was war die Ursache der Panik gewesen? Eines jener englischen Panzerauto[s] war unsere erste Linie entlang gefahren u. hatte mit seinen MG u. Revolverkanonen unseren Graben abgestreut. Deswegen u. wegen des Sperrfeuers der eigenen Artillerie, das ebenfalls unsere Gräben traf, wurde der Befehl erteilt, nach rechts u. links auszubiegen.“ Link zur Textstelle
Nordfrankreich, 11.10.1916
„Heute früh bin ich sehr melancholisch gestimmt. Keine Nachricht von zu Hause seit 8 Tagen, mit dem Magen nicht recht in Ordnung, heute abends wieder in Stellung u. dazu ein recht trübes Herbstwetter. Eben betrachte ich in stiller Sehnsucht unser Familienbildnis.“ Link zur Textstelle
Dritter Band
[La Basseé], Nordfrankreich, 25.10.1916
„Heute morgen wurde der gestern neu ernannte (frühere Brigadekommandeur) Divisionier v. Kirschbaum beim Abgehen der Stellung von einem englischen Scharfschützen (wahrscheinlich mit Zielgewehr) durch Kopfschuß getötet. Das Unglück schreitet schnell.“ Link zur Textstelle
Links
- Informationen über das "Königlich bayerischen 6. Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ auf GenWiki. Link: https://wiki.genealogy.net/6._IR_(KB) (Stand: 14.03.2024).
- Lang, Georg: Das 6. bayerische Infanterie-Regiment im Weltkriege. Kallmünz bei Regensburg: Laßleben, 1920. Link: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB000093B600000000 (Stand: 14.03.2024).
- Männlein, Johann Joseph: Tagebücher (elektronische Reproduktion, Signatur des Originals: N21.8). Link: http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/kxp178844356X (Stand: 14.03.2024).