Ernst Ewald Hiller
Bibliothek für Zeitgeschichte / Themenportal Erster Weltkrieg / Tagebücher

Soldat im Infanterie-Regiment 106 und später in britischer Kriegsgefangenschaft
- I. Band, 31.Juli – 29. Oktober 1914
- II. Band, 30.Oktober 1914 – 18. März 1915
- III. Band, 19.März – 20. September 1915
- IV. Band, 21. September 1915 – 1. April 1916
- V. Band, 2. April – 26. September 1916
- VI. Band, 27. September – 28. Oktober 1916
Es handelt sich um zeitnah erstellte Abschriften von Hillers Vater Friedrich Ernst. Dieser hat die Aufzeichnungen mit Briefen ergänzt, die Ernst Ewald während des Krieges an seine Familie schickte. Zudem liegt der Text in einer maschinenschriftlichen Transkription vor. Der Bestand befindet sich unter der Archivsignatur N04.1 in der Lebensdokumentensammlung der Bibliothek für Zeitgeschichte / Württembergische Landesbibliothek und kann im Sonderlesesaal eingesehen werden. Kontakt: bfz@wlb-stuttgart.de
Einleitung
von Maksymilian Tomasz Kuźma
Ernst Ewald Hiller wird am 6. September 1891 in Leipzig geboren und ist vor dem Krieg Postassistent. Im April 1913 beginnt er ein einjähriges Freiwilligenjahr in der Armee und wird direkt nach Ausbruch des Krieges eingezogen. Im Juli 1914 wird er zum Soldat der Reserve im 7. Königlich Sächsischen Infanterie-Regiment Nr. 106, II. Bataillon, 24 Division des 19. Armeekorps.
Hillers Schreibstil hat zunächst protokollarischen Charakter. Er hält jede Tätigkeit stichpunktartig nach Ort und Uhrzeit fest, wovon er in den ersten Tagen nicht abweicht. Erst danach fängt er an, kleine Beschreibungen und Kommentare in seine Berichte einzuarbeiten. Am Ende mancher Tage kommen dann ganze Absätze, die die Stimmung des Tages und die Aufgaben schildern. Nach und nach wird seine Sprache sogar expressiv.
Am Anfang ist Hiller an der Westfront stationiert. Der anfängliche Hurrapatriotismus kommt bei ihm zwischen den Zeilen zum Ausdruck. Interessanterweise ist sein Blick dennoch nüchtern genug, um die Lage neutral-beschreibend darzustellen. In Briefen an seine Familie wirft er sowohl der französischen als auch der deutschen Presse vor, die Ereignisse zu verfälschen. Beiden Parteien bescheinigt er schon früh, die Lage unkritisch-beschönigend für ihre eigene Seite darstellen.
Während des Krieges scheut sich Hiller nicht, eine aktive Rolle zu übernehmen. Innerhalb seines Zugs wird er zum Schreiber und führt die Liste der Soldaten, die Teil seiner Einheit sind. Am 26. Dezember dokumentiert Hiller ein außergewöhnliches Ereignis: den Weihnachtsfrieden von 1914. Er überquert die Schützengräben und lässt sich eine Postkarte von vier britischen Soldaten unterschreiben, die er seiner Familie nachhause schickt. Der Befehl, die Kampfhandlungen fortzusetzen, wird von Hiller lamentiert.

Im Juli 1915 verbringt Ernst Ewald seinen Urlaub in Lille und Leipzig. Danach wird er mit seiner Truppe an die Ostfront versetzt, wo er am 10. August 1915 mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet wird. Der Krieg mache in Polen sehr viel mehr Spaß, weil er dynamischer ist. Die Russen lassen sich sehr viel einfacher als Briten und Franzosen aus gut befestigten Stellungen drängen, ob Schützengräben oder Städtchen. Die verfallenden Straßenzüge werden als „polnische Verhältnisse“ beschrieben und Lausbefall als „polnische Haustiere“. Wenig später, im Oktober 1915, wird er zum Leutnant der Reserve befördert und verbringt daraufhin ein zweites Mal Urlaub in Leipzig.
Nach dem Urlaub wird Hiller wieder an der Westfront stationiert. Im Mai 1916 wird er mit dem Ritterkreuz des Albrechtsordens II. Klasse mit Schwertern ausgezeichnet, der sächsischen Kriegsauszeichnung für Tapferkeit.
Am 18. November 1916 wird Ernst Ewald Hiller durch einen Prellschuss am rechten Bein verletzt und gerät in britische Kriegsgefangenschaft. Die letzten Tagebucheinträge vor seiner Gefangenschaft sind seinen eigenen Angaben nach rekonstruiert. Hiller hatte sie zuvor vernichtet, womöglich um den Alliierten keine wichtigen Informationen zu überlassen. In seinen Einträgen beschreibt er die gemütlichen Bedingungen, in deren Genuss vor allem Offiziere kamen. Er hört bald auf, Tagebuch zu schreiben, schickt der Familie aber weiterhin Briefe.
Als das Deutsche Reiche im März 1917 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg erklärt, wird der Postverkehr eingestellt. Damit endet endgültig die Dokumentation von Hillers Kriegserlebnis während der Kriegszeit. Am 4. November 1919 wird Hiller aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrt nach Deutschland zurück. Aus einem Formular vom Mai 1949 geht hervor, dass er auch den Zweiten Weltkrieg überlebt. Über sein Schicksal während des Zweiten Weltkrieges erfährt man nichts. Das Feld über die Denazifizierung ist nicht ausgefüllt. Klar ist nur, dass er in die Bundesrepublik nach Darmstadt übersiedelt und nach wie vor als Postamtmann tätig ist. Er stirbt im Jahr 1951.
Links & Literatur
- Böttger, Karl u.a.: Das Kgl. Sächs. 7. Infanterie-Regiment König Georg Nr. 106. Dresden: Baensch, 1927. Link: http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/kxp1922914428 (Stand: 15.12.2025).
- Hiller, Ernst Ewald: Angriff auf den Ploegsteert-Wald. (Anfang November 1914). Kriegserlebnis eines Gruppenführers 7/106. Typoskript. Link: http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/kxp1925113728 (Stand: 15.12.2025).
- Hiller, Ernst Ewald: Meldebestätigung der Stadt Darmstadt, 21. Mai 1949. Nachgewiesen im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt. Link: https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/digitalMediaViewer.action?archivalDescriptionId=6266935&selectId=3710995 (Stand: 15.12.2025).
- Kellerhoff, Sven Felix: Als zwischen den Fronten das gleiche Lied erklang. In: Welt, 21.12.2014. Link: https://www.welt.de/geschichte/article135580823/Als-zwischen-den-Fronten-das-gleiche-Lied-erklang.html (Stand: 15.12.2025).