Sebastian Heinlein

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Sebastian Heinlein (1878-1944), Kaufmann aus Frankfurt am Main

Sebastian Heinlein (1878-1944), Militär-Krankenwärter, Kaufmann und Familienvater aus Frankfurt am Main.


Sebastian Heinlein wird im August 1914 eingezogen. Als Krankenwärter ist er zunächst dem Feldlazarett 12, ab 1915 dem Feldlazarett 4 zugeteilt. Auch als Bursche eines Feldwebels der Lazarettformation findet er Verwendung. In den ersten Tagen des Krieges erlebt er Straßenkämpfe in Belgien. Anschließend kommt er nach Frankreich und im Frühsommer 1915 nach Galizien. 1916 wird sein Lazarett in den rückwärtigen Gebieten der Verdun- und der Somme-Schlacht stationiert. Bei Kriegsende befindet sich Heinlein wieder in Belgien.

Die Originale der Tagebuchhefte befinden sich unter der Signatur N04.3 in der Lebensdokumentensammlung der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek und können im Sonderlesesaal eingesehen werden. Kontakt: bfz@wlb-stuttgart.de

Kriegstagebuch in 5 Heften:

1.) 6.8.1914.-7.9.1914

2.) 7.9.1914-1.10.1914

3.) 10.1.1915-30.7.1915

4.) 1.4.1915-8.8.1915

5.) 16.8.1915-24.6.1917; 12.9.1918-5.12.1918


Einleitung

von Irina Renz

Sebastian Heinlein (1878-1944) muss sich, obwohl schon 36-jährig und Vater von drei Kindern, bereits Anfang August 1914 zur Musterung einfinden. Der Kaufmann und Besitzer eines Lebensmittelgeschäfts in Frankfurt am Main wird als Krankenwärter einem Feldlazarett zugeteilt und sofort an die Westfront in Marsch gesetzt. Ab Januar 1915 dient Heinlein immer wieder auch als Bursche bei einem Feldwebel seiner Lazarettformation.

Fünf Tagebuchhefte hat Sebastian Heinlein für die Zeit vom 6. August 1914 bis zum 5. Dezember 1918 hinterlassen. Vermutlich schrieb er mindestens sechs Tagebücher. Eines der Hefte ging verloren, so fehlen die Monate November und Dezember 1914. Auch vom Dezember 1916 und von Juli 1917 bis zum September 1918 gibt es keine Aufzeichnungen. Zwei Tagebuchhefte liegen als Notizbücher vor, drei in noch während des Krieges angefertigten Reinschriften. Vom Zeitabschnitt 1. April 1915 bis zum 30. Juli 1915 hat sich sowohl das Notizbuch als auch die Reinschrift erhalten.

Heinleins Aufzeichnungen halten seine Erlebnisse im Hinterland der Frontlinien fest. Mit dem Feldlazarett 4 (anfangs Feldlazarett 12) zieht er nach Frankreich, in die Argonnen, das Gebiet von Verdun und in die Somme-Region. Die Zerstörungsaktionen während des Rückzugs der deutschen Truppen von der Somme im Frühjahr 1917 erlebt er aus nächster Nähe. An der Ostfront in Galizien verbringt Heinlein im Frühsommer 1915 zwei Monate. Dort gerät sein Lazarett erstmals unter Beschuss. Bei Kriegsende befindet er sich in Belgien und kehrt in der ersten Dezemberwoche 1918 in seine Heimatstadt zurück.

Zu Beginn des Krieges sind es nahezu tägliche Notate. Detailliert schildert Heinlein die Straßenkämpfe der Augusttage, in die er ahnungs- und orientierungslos hineinmarschiert. Seine Kommentare, auch zu grauenhaften Szenen, sind teilweise sarkastisch, zeigen aber keine Kriegsbegeisterung: „Aus einer anderen Straße kam eine Kolonne und schlug den Sturmmarsch und nun hub eine schwere Schießerei an. Maschinengewehre rasselten dazwischen, ihr rrrrr... Da gab‘s viel kaputte Fensterscheiben. Einige Schritte von mir rannte ein Zivilist aus dem Hause, aber er tat wenig Schritte, ein Schuss, ein Bajonettstich, fort war er. Der Kirchturm wurde unter Feuer genommen, alles Zivil, was sich blicken ließ, streckte die Arme hoch und flehte um sein Leben.“ (28.8.1914)

Feldlazarett 12 im Oktober 1914 in Marche Allouarde bei Roye. Zeichnung Sebastian Heinleins für seine Tochter Elli auf einer Postkarte

Das Einrichten der Lazarette an ständig wechselnden Standorten – mal werden die Baracken und Zelte in die Nähe der Kampforte, dann wieder weiter zurück in weniger beschossene Gebiete verlegt – sowie seine Arbeit als Krankenwärter, als Stationsverantwortlicher und Wachposten machen einen Großteil seiner Schilderungen aus. Die mangelnde Versorgung der Verletzten und die schlechte Behandlung der Mannschaftssoldaten spiegeln sich in vielen seiner Aufzeichnungen. Dabei spart er nicht mit Kritik an Vorgesetzten und benennt Organisationsfehler. Vor allem auf die Ansprüche und Privilegien der Offiziersklasse ist er nicht gut zu sprechen. Ebenso wenig ist er vom weiblichen Pflegepersonal angetan: „Nun sind uns auch noch Schwestern zugewiesen. Richtiggehende Pflegerinnen. Wir waren ganz baff, als uns diese Sorte Menschen vorgeführt wurde. Die haben gerade noch gefehlt hier.“ (24.6.1915) Die Arbeit der Krankenschwester hält er für völlig überflüssig: „Dann bringt sie wohl ein Sträußchen, legt dem oder jenem mal das Kissen zurecht, schneidet und befeilt den Leuten die Fingernägel und lauter so Klimmbimm. [...] wenn sie nicht irgendwo mit den Ärzten herumpoussiert.“ (26.6.1915)

Für die Verwundeten hat er dagegen mitfühlende Worte: „Was taten einem diese Ärmsten so leid.“ (28.8.1915) Das Schicksal der noch unversehrten Soldaten der kämpfenden Truppen, denen er auf dem Marsch und in den Etappenorten begegnet, sieht er schon voraus: „Für so manchen Soldaten ist dies sein letzter Abend. Aber das Abendessen schmeckt ihnen noch.“ (14.9.1914) Auch die Zerstörungen der Ortschaften lassen ihn nicht kalt: „Dann kommt Cressy. O, wie sieht es hier schrecklich aus. Schreckliche Wirkung unserer schweren Artillerie. Förmlich vom Luftdruck abgehobene Dächer. Hier ist kein Haus mehr ganz an der Angriffsfront.“ (1.10.1914)

Viele seiner Notizen handeln vom Alltag in den Ortsquartieren, von den Begegnungen und Konflikten mit der lokalen Bevölkerung. Nicht ohne Anteilnahme schildert er die Maßnahmen der Deutschen im französischen Kriegsgebiet: „Von hier kamen allein 24 Pferde fort. Man sah es den Bauern an, wie schwer ihnen die Trennung fiel. Train-Soldaten des Pferdedepots ritten mit den Tieren davon. Nach und nach kommt alles fort. Bald kommen auch die Kühe und die Hühner fort. Dann ist Schluss hier.“ (29.4.1915) Das harte Durchgreifen der Besatzer gegenüber widerständigen Einwohnern hält er dabei trotzdem für notwendig: „Denn bei den Einwohnern muss streng drauf gehalten werden, dass sie gehorchen, sonst ist’s gefehlt.“ (13.4.1915)

An der Ostfront in Galizien beschreibt er Zerstörungen von Landschaften und Orten sowie ärmliche und unhygienische Verhältnisse: „Riesige Granatlöcher überall. Wo so ein Schuss in ein Haus traf, flog alles in die Höhe. An manchen Stellen ist der ganze Parterrestock verschwunden und die Dächer stehen auf der Erde. Wieder andere sind mitsamt dem Fundament verschwunden. Bei abgebrannten Häusern ragt nur der Schornstein in die Luft. Stumpfsinnig dreinblickende Menschen hocken an der verwüsteten Stätte ihrer Habe.“ (9.5.1915) Bei der Bevölkerung fühlt er sich hier zunächst willkommen: „Alle freuen sich, Deutsche zu sehen.“ (11.5.1915) In manchen Orten werden die Einwohner aber auch als habgierig, unsauber und unfreundlich beschrieben: „Die sehr dreckigen Bewohner machen miese Gesichter.“ (25.5.1915)

In den verbündeten Österreichern sieht er die Verantwortlichen für die militärischen Niederlagen: „ ... die Herren Österreicher kamen 4 Stunden zu spät angezockelt, sodass sich die Russen wieder eingraben konnten. Und mit solchen Trotteln müssen Unsere arbeiten.“ (19.5.1915) Schuldhaft verhält sich aber seiner Meinung nach auch die eigene militärische Führung: „Der Divisionsgeneral kam erst heute zu Besuch. Er sprach einige tröstensollende Worte. Was soll er auch sagen. Mit schuld ist er ja an all dem Elend, denn er hat die 35er ohne Artillerieunterstützung zum Sturm angesetzt. Hoffentlich erntet er seinen gebührenden Lohn.“ (27.6.1915)

Eine Verschärfung der Briefzensur im Februar 1916 empfindet Heinlein als sinnlose Schikane und Schnüffelei: „Praktisch sind uns nun die Hände und die Gedanken vollständig gebunden.“ (21.2.1916) Er beklagt, dass so die Menschen in der Heimat ahnungslos bleiben und sie sich keine Vorstellung von der Situation der Soldaten machen können: „Wie sehr all den Soldaten der ganze Krieg zum Überdruss ist, was ihnen alles widerfährt von ihren Vorgesetzten und wie die Letzteren es treiben, von all dem erfährt nun niemand in Deutschland etwas.“ (21.2.1916)

Vielleicht war dieses Berichten-Wollen auch Sebastian Heinleins Motiv für seine detailreichen und kritischen Tagebuchaufzeichnungen.