Eduard von Gartmayr

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Eduard von Gartmayr, undatierte Fotografie aus dem Ersten Weltkrieg

Eduard von Gartmayr (1865-1954), Artilleriekommandeur in Flandern.


Der bayrische Artillerieoffizier Eduard von Gartmayr zieht im August 1914 als Kommandeur der Schweren Artillerie des A.O.K. 6 an die Westfront. Von Oktober 1914 an ist er meist in Flandern stationiert. Als Kommandeur der Artillerie der Gruppe Wytschaete ist er wesentlich an den taktischen Entscheidungen der dritten Flandern-Schlacht beteiligt. Nach dem Krieg wird er zum General befördert.

Die Originale der Tagebuchhefte befinden sich unter der Signatur N10.3 in der Lebensdokumentensammlung der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek und können im Sonderlesesaal eingesehen werden. Kontakt: bfz@wlb-stuttgart.de

Privates Kriegstagebuch in 7 Teilen:

1. 7.8.-17.10.1914

2. 19.10.-31.12.1914

3. 1.1.-14.12.1915; 27.3.-12.4.1916

4. 13.4.-8.5.1916; 28.9.-14.12.1918

5. 1.3.- 26.9.1917

6. 6.11.1917-26.9.1918

Teil 7 ist eingetragen in Heft 4


Einleitung

von Elisabeth Bokelmann

Eduard von Gartmayr (rechts mit Lupe), 15.11.1915

Eduard von Gartmayr war ein bayrischer Artillerieoffizier, der 1914 als Oberstleutnant in den Krieg zog und nach dem Krieg, zum General befördert, den bayrischen Militär-Max-Joseph-Orden erhielt. 1865 in Augsburg geboren, trat er als 19jähriger in das 1. Bayrische Fußartillerieregiment ein. Nach Verwendungen in München (1903 – 1905), Metz (1907 – 1909) und Germersheim (1909 – 1913), war er, als die Mobilmachung erfolgte, Kommandeur des 1. Bayrischen Fußartillerie-Regiments in München. Dort nahm er am 7. August 1914 Abschied von seiner Frau, einer jungen Engländerin. Zwei Tage später traf er in St. Avold, Lothringen, ein, wo er als Kommandeur der Schweren Artillerie des A.O.K. 6 in Stellung ging. Nach einigen Tagen der Stationierung in St. Quentin und bei Lille wurde er im Oktober 1914 mit seinem Stab nach Flandern verlegt, wo er, mit kurzer Unterbrechung an der Somme, bis zum Ende des Krieges an den verlustreichen Kämpfen der Flandern-Schlachten teilnahm. In den vier Jahren des Krieges trug er mitunter täglich, dann mit zeitlichen Lücken, in sechs einfachen Heften Notizen ein, die mit Bleistift in deutscher Kurrentschrift geschrieben und in sieben „Kriegstagebücher“ gegliedert sind. In der schützenden Hülle einer alten Ledertasche überdauerten die Tagebücher, nahezu unangetastet, die Wirren des vergangenen Jahrhunderts und die Umzüge der Familie.

Eduard von Gartmayr plante nicht, seine Tagebuchnotizen über den persönlichen Gebrauch hinaus zu verwenden, wie er in seinen nach dem Krieg verfassten „Lebenserinnerungen“ ausführte: „Ich habe im Kriege während oder unmittelbar nach den Ereignissen Tagebuch-Notizen geführt. Diese noch vorhandenen Aufschreibungen – sieben Teile in sechs Notizbüchern – sind historisch und zeitlich lückenhaft und konnten die Begebenheiten nur andeutungsweise schildern, weil jederzeit die große Gefahr bestand, daß sie in unrechte Hände fallen könnten. Auch habe ich sehr viel Persönliches darin wiedergegeben, namentlich Meinungsverschiedenheiten mit Vorgesetzten und Schwierigkeiten mit Untergebenen, weil ich das Bedürfnis hatte, mich durch Auslassungen zu erleichtern, da ich mich niemandem gegenüber offen aussprechen konnte.“ Politische Beurteilungen, patriotische Bekundungen, aber auch die Infragestellung der geltenden Kriegsrhetorik sucht man im Text vergeblich. Auch werden die Ereignisse nicht in größere Zusammenhänge eingebettet oder gar in strategische Konzepte eingeordnet. Klarsichtig, nüchtern und ohne jeden Anflug heroisierender Neigung notiert der Verfasser seine persönlichen Erfahrungen während der Kriegsjahre, das Kampfgeschehen und den Alltag im besetzten Land. Der Kriegsalltag wird bestimmt von den täglichen Sorgen und Zwängen, den ständigen Ortswechseln, der sehr wechselnden Qualität der Unterbringung und der Verpflegung, den Meinungsverschiedenheiten mit Untergebenen und Vorgesetzten, dem Warten auf Post von daheim, der nervlichen Belastung durch stundenlang anhaltenden Geschützdonner, der immer wieder trügerischen Hoffnung auf ein Ende des Konflikts. Freimütig werden Gefühle wie Trauer, Frustration, Ärger und Mitleid geäußert. So weist er in bitteren Worten dem Divisionsstab die Verantwortung für den Tod von zwei Batteriechefs zu, die ohne Schutz in den Schützengräben geblieben waren (11.11.1914).

Im Mittelpunkt der Aufzeichnungen steht Gartmayrs Alltag als Artillerieführer. Der militärische Auftrag lautet, die feindlichen Zentren „niederzuringen“, folglich muss der Standort und die genaue Lage der gegnerischen Formationen erkundet werden. Das geschieht mit Aufklärungsfliegern, die aber der deutschen Seite in geringerer Zahl zur Verfügung stehen, als den „Feinden“. Mehrfach, aber immer wieder umsonst, fordert der Verfasser Aufklärung durch Flugzeuge an (31.8.1914). Man behilft sich, soweit die klimatischen Voraussetzungen und die Bodenbeschaffenheit dies zulassen, mit Fesselballons (1.11.1914 / 2.11.1914).

Allgemein bildet der Mangel an Munition ein Problem, das immer wieder angesprochen wird und dem offenbar nicht abgeholfen werden kann. (3.9.1914 / 9.9.1914). Befehlen, bestimmte Ziele zu bombardieren, kann deshalb nicht nachgekommen werden. Der Gegner hingegen scheint über ausreichend Nachschub zu verfügen: „Feind muß kolossal viel Munition haben, er schießt den ganzen Tag wie verrückt“ (19.12.1914).

Probleme bereitet auch, die korrekte zeitliche Abfolge von Beschießung und Vorwärtsgehen der Infanterie zu gewährleisten (16.11.1914). Dabei kommt es immer wieder zu Kritik gegenüber übergeordneten Stellen. Grund sind sowohl sich widersprechende Befehle (4.11.1914), aber auch die mangelnde Koordinierung der Anweisungen (5.11.1914). Schwierigkeiten, die unterschiedlichen Truppenteile zu koordinieren, führen zu Frustration und Ärger (5.11.1914 / 6.11.1914) und lassen Zweifel an der militärischen Führung aufkommen (12.9.1914). „Es fehlt die große Führung, die sich nicht abkämpfen lässt“ (9.10.1914). „Es macht dies Zappeln des Generals einen merkwürdigen Eindruck: auf alles Mögliche wird die Schuld geschoben, aber nicht gesagt: „Unsere Truppe kann nicht mehr und ich auch nicht“ (15.11.1914).

Fast täglich unternimmt der Verfasser ausgedehnte Erkundungsritte und versucht, von höher gelegenen Gegenden, Hügeln oder Türmen bessere Beobachtungsposten mit Sichtmöglichkeit auf das Kampfgebiet zu finden (19.10.1914). Nach einer Schlacht belasten ihn die sichtbaren Folgen der Kämpfe: „Schrecklich über das Schlachtfeld um diese Zeit zu reiten. Einzelne Tote liegen noch seit drei Wochen herum und sind schon ganz schwarz. Überall Ausrüstungsstücke, Fetzen, gründliche Verwüstung. Das entsetzlichste ist das völlig zerstörte Dorf Neuville (5 km sso Arras)“ (16.10.1914). Angesichts der Verwüstung stellt der Verfasser taktische Überlegungen an, die nicht den Vorstellungen der Vorgesetzten entsprechen (14.10.1914). Auch der angeordnete Beschuss von Zielen wie dem Turm und der Tuchhallen von Ypern (18.11.1914 / 19.11.1914 / 20.11.1914) findet nicht seine Zustimmung. „Ypern tut mir leid; ich würde nicht hinschießen, wenn es nicht befohlen wäre; man erwartet sich davon mehr als die Sache wert ist“ (22.11.1914). Im Lauf der Zeit werden die Eintragungen weniger ausführlich; es ergeben sich zeitliche Lücken. Einzelne dramatische Tage werden weiterhin eingehend berichtet (9.4.9117 / 7.6.1917). Die Eintragungen der letzten Monate erscheinen merkwürdig zusammenhanglos. Offenbar wird an der Front die innenpolitische Lage im Reich nur in Bruchstücken erkennbar. Im November 1918 kommt der Kaiser „und fährt zu verschiedenen Divisionen. Wird mit Begeisterung aufgenommen“ (4.11.1918). Kurz darauf kommentiert Gartmayr resigniert den Waffenstillstand und das Ende der Monarchie: „Mittags treffen die Waffenstillstandsbedingungen ein. Annahme bis 11. 1100 Uhr Vorm. Sie sind niederschmetternd, wir müssen sie aber doch annehmen. Die authentischen Nachrichten v. d. Abdankung des Kaisers u. Kronprinzen u. aller Fürsten treffen ein. Wie soll das enden?“ (11.11.1918). Schließlich, am 14.12.1918, eine knappe Eintragung: „Mittgs. Ankunft in München. Ich fahre im Auto nach Hause.“ Nach 1.580 Tagen endlich die Heimkehr; als Zuflucht der Rückzug ins Private.