Otto Borggräfe
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Otto Borggräfe (1895-1978), kaufmännischer Angestellter aus Oldenburg
Der 19-jährige Oldenburger Otto Borggräfe meldete sich bereits im August 1914 freiwillig. Eingesetzt wurde er bis Ende 1917 bei verschiedenen Feldartillerieregimentern an der Westfront sowie an der Ostfront in Russisch-Polen. Im Januar 1918 absolvierte er eine Ausbildung zum Flieger in Schneidemühl und verbrachte anschließend die letzten Monate des Krieges an der Westfront.
Die Originale der Tagebuchhefte befinden sich unter der Signatur N10.3 in der Lebensdokumentensammlung der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek und können im Sonderlesesaal eingesehen werden. Kontakt: bfz@wlb-stuttgart.de
Kriegstagebuch in 6 Heften:
1.) 15.8.1914-22.4.1915 2.) 24.4.-8.9.1915
3.) 10.9.1915-16.10.1916
4.) 17.10.1916-17.2.1917
5.) 19.2.-18.7.1917
6.) 28.1.1918-26.10.1918
- Tagebuch (Abschrift, PDF)
- Tagebuch (elektronische Reproduktion)
- Lebenslauf (PDF)
- Stammbaum der Familie (PDF)
Einleitung
von Gisela und Heinz Rieter
Die Aufzeichnungen beginnen mit einer kurzen Notiz am 15. August 1914, dem Tag, an dem sich der 19-jährige Otto Borggräfe in Oldenburg (Niedersachsen) freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte und rekrutiert worden war, und enden am 26. Oktober 1918 mit einem Eintrag, geschrieben im Lazarett in Ilsenburg im Harz. In diesem Zeitraum von rund 1.530 Tagen hat der Verfasser in unregelmäßigen Abständen an 257 Tagen Eintragungen gemacht. Sie sind insoweit authentisch, als sie sich entweder auf tagesaktuelle bzw. zeitnahe Erlebnisse beziehen oder damit verbundene Sachfragen betreffen. Die Texte wirken sorgfältig überlegt und sind meist akkurat mit der Hand geschrieben. Nur an einigen Stellen ist der Text lediglich stichwortartig und schlechter lesbar. Dies könnte mit ungünstigen Schreibbedingungen zusammenhängen.

Das Tagebuch enthält durchgängig sachliche und detaillierte Einträge. Das Hauptinteresse des Autors galt waffen- und bautechnischen Fragen sowie der Topographie und Gestaltung der Kriegsschauplätze in Frankreich und Russland, auf denen er vier Jahre seines Lebens als Soldat verbrachte. Politische Reflexionen finden sich kaum. Was man über ihn selbst erfährt, beschränkt sich im Wesentlichen auf seinen militärischen Werdegang (bis zum Leutnant der Reserve), familiäre, freundschaftliche und kameradschaftliche Beziehungen sowie seine Naturverbundenheit und die Freude am Reiten und Reisen. Trotz der Gefahrensituation, in der er sich befand, zeigt er nur wenige Emotionen. Selbst wenn er grausame Kriegsereignisse beschreibt, bleibt er in seiner Wortwahl beherrscht (15.4., 14.6. und 24.6. 1915 sowie am 31.7. und 16.8.1918). Patriotische Bekenntnisse oder chauvinistische Töne finden sich kaum.
Daraus lässt sich jedoch nicht schließen, dass ihn die Kriegsereignisse unberührt ließen. Verschiedentlich mokiert er sich über militaristisches Gebaren der „hohen Herren“ (5.12.1916, 9.2. und 1.7.1917) und er verbindet mit politischen Ereignissen wie der Proklamation eines polnischen Staats und der russischen Februarrevolution samt Abdankung des Zaren die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Kriegs (5.11.1916 und 16.3.1917). Von Jugend an technikinteressiert, gefiel es ihm, zunächst in einem Artillerieregiment dienen und im letzten Kriegsjahr nach einer entsprechenden Ausbildung zur Luftwaffe wechseln zu können (siehe Heft 6 des Tagebuchs). Ihn reizte nicht nur die Fliegerei selbst, sondern die Chance, die noch junge, sich zunehmend entwickelnde Flugtechnik genauer kennenzulernen. Seit Juni 1918 an der Somme stationiert, absolvierte er mehr als 25 Feindflüge, von denen er elf im Juni 1918 penibel in einer Tabelle festhielt, bis er am 9. August 1918 von der englischen Infanterie aus 200 m Höhe abgeschossen und beim Absturz seiner Maschine verwundet wurde.

In seinem Tagebuch berichtet Otto Borggräfe zum einen über ihn unmittelbar betreffende Ereignisse wie die militärische Ausbildung, Verpflegung und Nahrungsbeschaffung, Fronteinsätze, Krankheit und Verwundungen, Freizeitbeschäftigung sowie Heimaturlaube. Zum anderen beschreibt er die Struktur, Aufgaben und Aktivitäten jener Truppenteile, denen er in Frankreich und Russland angehörte. Hierbei geht er insbesondere auf die Kommandostrukturen, die Logistik, den Alltag im Stellungskrieg an wechselnden Fronten, die Beteiligung an Kampfhandlungen sowie – sehr ausgiebig – auf die angewandte Kriegstechnik ein.
Otto Borggräfe ergänzte und veranschaulichte seine Aufzeichnungen durch vielerlei Materialien wie z.B. Landkarten und Schlachtpläne, selbst gefertigte, in das Tagebuch eingezeichnete oder eingelegte Skizzen von Kampfstellungen und anderen Örtlichkeiten, militärischen Objekten und dergleichen. Auch maschinenschriftliche Mitteilungen und Befehle, Zeitungsausschnitte, persönliche Dokumente wie Jagd-, Entlausungs- und Urlaubsscheine sowie eigene Fotografien von Personen, Kriegsgerät, Bauten und Landschaften sind den Tagebuchheften beigefügt. Seinem Interesse an technischen Neuerungen entsprechend, hatte er sich schon im Juli 1916 einen Fotoapparat zugelegt (siehe 16.6.1916) und zudem ausdrücklich die Erlaubnis erhalten, im militärischen Bereich fotografieren zu dürfen (siehe den „Erlaubnisschein“ zu Beginn des 5. Heftes).
Über seine Erlebnisse und Erfahrungen in zwei Weltkriegen hat Otto Borggräfe – zumindest mit seinen Kindern und Schwiegerkindern – nie gesprochen. Ebenso wenig war ihnen bekannt, dass er im Ersten Weltkrieg ein Tagebuch geführt und dies aufbewahrt hatte. Erst nach seinem Tod wurden die sechs Hefte in einer Schublade seines Schreibtisches gefunden.
Links
- Borggräfe, Otto: Tagebuch (Abschrift, PDF). Link: https://www.wlb-stuttgart.de/projekte/themenportal-erster-weltkrieg/tagebuch-borggraefe/abschrift (Stand: 14.03.2024).
- Borggräfe, Otto: Tagebuch (digitale Reproduktion, Signatur des Originals: N10.3). Link: http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/bsz410014451 (Stand: 14.03.2024).