Blockbuch Xyl.Inc.3: Inhalt

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Alte und Wertvolle Drucke / Teilsammlungen / Xylographen


Biblia pauperum (Signatur: Xyl.inc.3):

Legit[ur] in genesi .iij. cap[itul]o dixit d[domi]n[u]s serpenti super pect[us] tuu[m] gradier[is] … - [Niederlande], [circa 1460-1470]. – [40] Bl.

Digitalisat

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Inhaltliche Beschreibung:

Die bildliche Darstellung sollte in Kombination mit kurzen textlichen Erläuterungen und in ihrer besonderen Komposition Grundinhalte der Bibel mit hoher Symbolkraft zusammenfassen. Als Zielgruppe ist vor allem an den niederen Klerus gedacht, der sich Vollbibeln im Folio-Format nicht leisten konnte, aber einen Anhaltspunkt für die Predigten brauchte. Theologisches Wissen wird vorausgesetzt, um das in diesen Bilderbibeln zugespitzte System biblischer Interpretation und theologischer Erkenntnis verstehen bzw. dann für die Glaubensvermittlung nachnutzen zu können. Der Begriff „Armenbibel“ ist angesichts der tatsächlichen Komplexität der Inhalte etwas irreführend und entstand erst in einer späteren Zeit, die vom Vorrang des gedruckten Wortes gegenüber dem Bild überzeugt war. Es ging eher um optisch einprägsame Mitteilungen, also um Mnemotechnik und um missionarische Motivation als um ein Bedienen von „geistig Armen“. Avril Henry nennt diese bildhaften Erzählungen „reminders of familiar material“; sie sind also gerade nicht „books of the unlearned“ (Henry, Iconography, S. 265).  

„Biblia pauperum“ meint weniger ein ganz bestimmtes Buch mit festem Inhalt, sondern eine Textgattung mit bestimmten sich durchhaltenden Eigenschaften. Entscheidendes Kompositionsprinzip ist die heilsgeschichtlich-ganzheitliche Sicht der Bibel. Jeweils eine neutestamentliche Szene (Antitypus) wird von zwei alttestamentlichen Szenen im Sinne einer typologischen Entsprechung bzw. eines Gegenübers von Verheißung und Erfüllung umgeben. Hinzu kommen kurze verbale Zitate: jede Szene wird von einem kürzeren Titel und die Dreier-Komposition insgesamt von längeren Zitaten bzw. Paraphrasen (lectiones) erläutert. Außerdem begegnen - ähnlich wie die biblischen Szenen eingefügt in einen architektonischen Rahmen - Köpfe alttestamentlicher Propheten, die sich fast wie in einem Dialog miteinander befinden und für das christologische Gefälle des Alten Testaments als Verheißung auf den Neuen Bund hin stehen. Das Alte Testament erfährt anders als in manchen heterodoxen Bewegungen eine große Wertschätzung, allerdings weniger in sich, sondern in seinem Gefälle auf das Heilsgeschehen in Christus hin.

Das Zentrum besteht im Sein und Wirken Christi. Der Akzent liegt auf der Passion, dem Tod und der Auferstehung Christi; die vorgeschaltete Vorgeschichte deutet jedoch komprimiert den besonderen Status Christi an, aus dem die Wirkkraft des Geschehens von Kreuz und Auferstehung entspringt. Die Rückbezüge auf teilweise durchaus entlegene Szenen des Alten Testaments erweitern den Referenzrahmen auf die gesamte Heilsgeschichte von der Schöpfung an, als dessen Mitte sich – theologisch, zeitlich wie graphisch – Inkarnation, irdisches Wirken, Tod und Auferstehung des Sohnes Gottes erweist. Der Ausblick auf das Jüngste Gericht und die Auferstehung unterstreicht die Intention der individuellen Applikation der in Christus gestifteten neuen Wirklichkeit: an Auferstehung und ewigem Leben bekommt nur derjenige teil, der das „für dich“ des Kreuzes realisiert – sowohl im Glauben als auch in seinem Tun. Hier ist die „Biblia pauperum“ unmittelbar anschlussfähig gegenüber der „Ars moriendi“, die mit Zuspitzung auf die Todesstunde in die gegenwärtige Gestaltung des Lebens einwirken, zu einem verantworteten christlichen Leben erziehen möchte.

Im Ausdrucksmittel des Bildes wird zudem manifest, dass nach christlicher Auffassung Gott kein abstraktes philosophisches Denkkonstrukt, sondern ein durchaus leiblich erfahrbares, konkret im Hier und Jetzt dieser Welt wirkendes personales Gegenüber des Menschen ist. Gott ist nicht anders als in Beziehung. Wie sich Gott in seinem Wirken an Elemente der Schöpfung bindet (das äußere Wort der Heiligen Schrift, das Wasser der Taufe, Brot und Wein im Altarsakrament u.s.w.), so geschieht die Vermittlung der biblischen Inhalte konkret in einer doppelt erfahrbaren Weise: im Wort und im Bild, über das Ohr und das Auge.

Charakteristisches Gliederungsprinzip ist, dass in der Regel jeweils vier Szenen (mit einem Antitypus als Fokus und zwei alttestamentlichen Typen als Präfiguration) eine thematisch zusammengehörige Teilgruppe bilden. Innerhalb der Vierergruppe gehören wiederum die jeweils zwei gegenüberliegenden bzw. aufeinanderfolgenden Szenen enger zusammen (also a) und b) bzw. c) und d)).

Übersicht zu den einzelnen Szenen:

1. Themenkreis Geburt Christi (= Bilderfolge 1-2)

a) Fokus: Ankündigung der Jungfrauengeburt (Lk. 1,26-37); daneben: Sündenfall (Gen. 3,1-24) und Prüfung des Willens Gottes durch Gideon (Ri. 6,11-24);

b) Fokus: Krippe mit Christuskind in Bethlehem (Lk. 2,1-21); Mose vor dem brennenden Dornbusch (Ex. 3); Aarons grünender Stab (Num. 17,16-27)

c) Fokus: Anbetung des Christuskindes durch die Magier (Mt. 2,1-12); daneben: Abner und David (2. Sam. 3, 6-21); Königin von Saba vor Salomo (1. Kön. 10,1-13)

d) Fokus: Jesu Darstellung vor Simeon (Lk. 2, 22-35); daneben: Reinigung nach Entbindung und Beschneidung des neugeborenen Knaben (Lev. 12); Weihung Samuels für Gott durch Hanna (1. Sam. 1, 19-27)

2. Themenkreis: Ägypten (Bilderfolge 3-4)

a) Fokus: Flucht der heiligen Familie nach Ägypten (Mt. 2,13-15); daneben: Jakob und Esau (Gen. 27) bzw. Flucht Davids vor Saul (1. Sam. 19, 8-17)

b) Fokus: Verheißung Simeons an Maria, dass Jesus Christus gesetzt wird zum Fall und Aufstehen vieler in Israel (Lk. 2,34); daneben: Das goldene Kalb und Moses Fürbitte für Israel (Ex. 32,1-14); die Bundeslade bei den Philistern (1. Sam. 5)

c) Fokus: Kindermord in Bethlehem, angeordnet von König Herodes (Mt. 2,16-18); daneben: Saul nimmt Rache an den Priestern von Nob (1. Sam. 22,6-23); Rettung Joaschs vor Atalja, die alle Kinder aus königlichem Geschlecht töten lässt (2. Kön. 11,1-3)

d) Fokus: Rückkehr der heiligen Familie aus Ägypten (Mt. 2,19-23); daneben: David fragt Gott, ob und wohin er nach Juda ziehen soll, um König zu werden (2. Sam. 5,1-7); Jakobs Flucht mit den Seinen (Gen. 31)

3. Themenkreis: Beispiele für den besonderen Status Jesu Christi als inkarnierter Sohn Gottes in seiner irdischen Zeit (Bilderfolge 5-6)

a) Fokus: Taufe Jesu durch Johannes den Täufer (Mt. 3,13-17); daneben: Durchzug Israels durch das Rote Meer (Ex. 14); Rückkehr der Kundschafter aus dem Land Kanaan mit einer Weintraube (Num. 13)

b) Fokus: Jesu Versuchung (Mt. 4,1-11); daneben: Verkauf des Erstgeburtsrechtes Esaus an Jakob (Gen. 25,29-34); Sündenfall (Gen. 3)

c) Fokus: Auferweckung des Lazarus (Joh. 11); daneben: Auferweckung des Sohns der Wirte von Zarpath durch Elia (1. Kön. 17); Auferweckung des Sohns der Schunemiterin durch Elisa (2. Kön. 4,8-44)

d) Fokus: Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor mit Mose und Elia (Mt. 17,1-9); daneben: Erscheinung dreier Männer / Engel vor Abraham in Mamre (Gen. 18,1-15); drei Männer im Feuerofen (Dan. 3)

4. Themenkreis: Vorbereitung auf die Passion Christi im theologischen Sinne (Bilderfolge 7-8)

a) Fokus: Jesu Salbung durch die Sünderin (Lk. 7,36-50); daneben: Nathans Strafrede an David und Davids Buße (2. Sam. 12); Mirjam wird aussätzig (Num. 12)

b) Fokus: Jesu Einzug in Jerusalem (Mt. 21,1-11); daneben: David überbringt das Haupt Goliaths (1. Sam. 17); die Jünger Elias kommen zu Elisa (2. Kön. 5,15-18)

c) Fokus: Tempelreinigung durch Jesus (Mt. 21,12-17); daneben: Befehl des Königs Darius, entsprechend einem wieder gefundenen Schreiben den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen und zu reinigen (Esra 6,1-5); Tempelreinigung unter Judas Maccabaeus (2. Makk. 10,1-8)

d) Fokus: Jesus lehrt im Tempel (Mt. 21,23-22,46); daneben: Jakob wird berichtet, dass Josef verschwunden sei (Gen. 37,12-36); Absalom beginnt seinen Aufruhr durch den Anspruch auf ein Richteramt (2. Sam. 15,1-6)

5. Themenkreis: Vorbereitung auf die Passion im historisch-chronologischen Sinne (Bilderfolge 9-10)

a) Fokus: Verrat des Judas um dreißig Silberlinge (Mt. 26,14-16); daneben: Verkauf Josephs durch seine Brüder (Gen. 37,23-28); Verkauf Josephs an Potifar (Gen. 39,1-6)

b) Fokus: Abendmahl Jesu mit den Jüngern (Mt. 26,17-30); daneben: Melchisedek (Gen. 14); Speisung Israels mit Wachteln und Manna vom Himmel (Ex. 16)

c) Fokus: Fußwaschung Jesu (Joh. 13,1-20); daneben: Josaphat und Ahab schließen ein Militärbündnis (1. Köng. 22,1-40); Belagerung und Errettung Samarias (2. Kön. 6,24-7,20)

d) Jesus in Gethsemane (Mt. 26,36-46); daneben: Die törichten Jungfrauen (Mt. 25,1-13); Sturz des Drachens (Offb. 12) bzw. des hybriden Weltenherrschers (Jes. 14,1-23)

Hier fehlen die folgenden Szenen (vgl. deutsche Ausgabe der „Biblia pauperum“).