Blockbuch Xyl.Inc.2: Inhalt

Aus WLB Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche


Alte und Wertvolle Drucke / Teilsammlungen / Xylographen


Ars moriendi (Signatur: Xyl.Inc.2):

Maler, Ludwig; Meister E.S. [Ill.]: Wie wol nach der lere: des natürliche[n] maister an dem dritte[n] buch der gutte[n] sitte[n]: aller erschrockeliche[n] dinge: der tod des libes ist dz erschrokelichst … - Ulm: Ludwig [Maler], [ca. 1469]. – [24] Bl.

Digitalisat

Zurück zur Übersicht Xylographen

Inhaltliche Beschreibung:

Die „Ars moriendi“ war in unterschiedlichen Variationen der am meisten verbreitete Text der Erbauungsliteratur des 15. Jahrhunderts. Es sind ca. 300 Handschriften, 65 typographische Inkunabel-Ausgaben und 13 xylographische Inkunabel-Ausgaben (Blockbücher) (mit weiteren Unterteilungen) überliefert. Als historischer Hintergrund muss die grassierende Pestepidemie in Europa (ca. 1347 bis 1450), die den plötzlichen und unvorhersehbaren Tod zur alltäglichen Erfahrung machte, mit bedacht werden. Ausgehend vom existenziellen Interesse an der Vorbereitung des eigenen Sterbens entsteht ein seelsorgerlich motiviertes Kompendium christlicher Dogmatik. Die wichtigste Modifikation der – auch in den Blockbüchern vorliegenden - bebilderten gegenüber der rein textlichen Ausgabe besteht in der Umformung der fünf Hauptanfechtungen in Doppelkapitel. Dabei stehen sich jeweils Versuche des Teufels mit seinen Dämonen, den Sterbenden von Gott weg und zu sich zu lenken, einerseits und die Gegenrede des Engels als Anwalts Gottes gegenüber. In rhetorisch-dramaturgisch geschickt entfalteter Komposition erhalten beide Perspektiven jeweils eine Text- bzw. Bildseite. In der Situation des Sterbens begegnen Anfechtungen in gebündelter Form, wie sie für die christliche Existenz als ganze charakteristisch sind, was die Relevanz dieser Gattung der Erbauungsliteratur für den alltäglichen Lebensvollzug erhöht. Letztlich geht es um eine Konkurrenz der Bezugsinstanzen, über die sich ein Mensch definiert, auf die er sich gründet, von denen her er Gewissheit empfängt oder eben Verunsicherung erfährt. Das Gefälle auf den schließlichen Sieg des Gottvertrauens hin soll dem Betrachter die Überwindung eigener Ängste bzw. fragwürdiger Bindungen und Prioritäten erleichtern und neue Hoffnung verleihen. Zugleich rufen die drastischen und auf klare Alternativen ausgerichteten Text-Bild-Kompositionen zur Umkehr und Läuterung. Die Einleitung mit dem Lob des Todes und der Kunst des guten Sterbens (so der Titel der rein textlichen Variante der Überlieferung: „Speculum artis bene moriendi“) wird sozusagen als Lesebrille vorangestellt: die individuelle Durchbrechung der Macht des Todes und die Überwindung der Todesangst wird möglich im Nachvollzug der asymmetrischen Bewegung des Widerstreits der Beziehungen, wie sie den fünf folgenden Abschnitten verdeutlicht werden.

Anfechtungen und Gegenwirklichkeit (Bestärkung des Glaubens):

Verführung zur Untreue: Ärzte diskutieren; Dämonen versuchen den Kranken zu verführen: über dem Bett Gottvater, Christus, Maria; links unten: ein König und eine Königin beten ein Idol an; vorne rechts ein Selbstmörder im Begriff, sich die Kehle durchzuschneiden, neben ihm eine fast Nackte mit Rute und Geißel

Antwort: ein Engel behütet den Sterbenden, die Dämonen fliehen vor dem Engel; hinter dem Bett versammelt sich eine Gruppe von Heiligen um Christus, darunter Moses als Vertreter der Gläubigen des alten Bundes

Verführung zur Verzweiflung: verschiedene Opfer sündiger Taten treten auf: ein junges Paar: Frau von ihm verführt worden; ein Mann, den er bis aufs Hemd ausgezogen hat; ein Dämon hält geraubten Geldbeutel in der Hand; ein Ermordeter, Dämon hält Dolch als Mordwerkzeug hoch; ein Kranker, aus Geiz in Lumpen gehüllt, auf einer Geldkiste sitzend; ein Dämon hält Tafel mit Sündenverzeichnis hoch

Antwort: vom Fußende des Bettes her nähert sich ein Engel, dahinter ein Reiter unter einem Steinhagel (steht für Umkehr des Saulus zum Paulus); hinter dem Bett Petrus mit dem dreimal krähenden Hahn, Maria Magdalena und der gute Schächer am Kreuz als Beispiele für eine gelungene Umkehr

Verführung zur Ungeduld: Kranker stößt einen Mann von sich, der ihn geärgert hat; Tisch, auf dem die Magd aufdecken wollte, umgeworfen

Antwort: Mahnung zur Geduld unter Verweis auf Christus als Schmerzensmann (mit Dornenkrone) und Wundermann (Pestpfeil!) sowie auf die hl. Barbara, Katharina, Laurentius und Stephanus

Verführung zu eitlem Ruhm: Dämonen bieten Kronen an; bei Gottvater, Christus, Maria befinden sich 3 Seelen

Antwort: Aufforderung gegen den eitlen Ruhm: 3 Engel bemühen sich um den Kranken, einer weist auf die Hölle rechts unten, ein anderer auf die anwesende Dreifaltigkeit mit Maria; der dritte Engel zeigt auf hl. Antonius als Beispiel der Selbsterniedrigung

Verführung zum Geiz / zur Habsucht:  3 Dämonen bedrängen den Kranken, indem sie ihn auf weltliche Objekte zu fixieren suchen: Verwandte mit Kind, für die er sorgen soll; Erbe: Weinfässer; Stall, in den ein Knecht ein Pferd führt)

Antwort: Mahnung zur Abkehr vom Besitzdenken: ein Engel verweist auf Jesu Armut am Kreuz; ein anderer Engel bedeckt die Eltern des Sterbenden mit einem Laken; andere Verwandte drängen heran, von denen sich der Sterbende trennen muss Schlussbild: Die Todesstunde: ein Mönch reicht dem Sterbenden eine Kerze; ein Engel nimmt seine Seele in Empfang; rechts oben Christus am Kreuz mit Maria und Johannes, Aposteln, Heiligen; vorne verzweifelte Dämonen, die sich im Besitz der Seele des Kranken geglaubt hatten.