Familienpredigten

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Alte und Wertvolle Drucke / Teilsammlungen


1. Definition

Der unter der Signatur Fam. Pr. ... bewahrte Bestand umfasst zum allergrößten Teil Grabreden (i. w. S.), die man für die Zeit von ca. 1550 bis 1750 Leichenpredigten (i. e. S.) nennt. Diese enthalten beinahe immer neben der eigentlichen Beerdigungsrede des Pfarrers, in der meist eine Kurzbiographie (Personalia) des Verstorbenen gegeben wird, je nach Bedeutung der Persönlichkeit auch weitere literarische Texte, verfasst von Angehörigen oder Freunden. Neben der üblichen Gelegenheitsdichtung (Epicedia) kommen ab und zu ad hoc komponierte Trauermotetten vor.

Literaturhinweis:

Joachim Kremer: Klingende Denkmäler: Trauerkompositionen in südwestdeutschen Leichenpredigten der Frühen Neuzeit. - In: Momente: Beiträge zur Landeskunde von Baden-Württemberg (2005), Nr. 4. - S. 10-15.

Vor allen Dingen sind die Predigten erstrangige Quellen für biographische Daten.

Leichenpredigt (Fam.Pr.qt.6)

Aufwendigeren Drucken sind oft als Holzschnitte, Kupferstiche oder Schabkunstblätter Abbildungen der Verstorbenen beigegeben. Da aber wegen der Eile, mit der die Texte meist gedruckt werden mussten, Holzschneider oder Kupferstecher so schnell nicht Porträtbilder verfertigen konnten und dies i. d. R. auch sehr teuer war, setzten immer wieder die Buchdrucker Texte kunstvoll nur mit Buchstaben zu symbolischen Formen, zu Herzen, Kreuzen, Särgen, Grabhügeln etc.

Eine wahre Fundgrube für sog. Visuelle Poesie tut sich auf:

Etwa 500 Einheiten sind sog. Nuptialpredigten (Hochzeitspredigten).

Der Typus stammt ursprünglich aus dem mittel- und norddeutschen Luthertum und strahlte nach Süddeutschland aus, wo in den Residenzen, Universitäts- und Reichsstädten zahlreiche Leichenpredigten gedruckt wurden. In Württemberg sind als Druckorte insbesondere Stuttgart und Tübingen zu nennen, im 19. und 20. Jahrhundert sind alle größeren Städte des evangelischen Neuwürttemberg entsprechend ihrer Bedeutung und Einwohnerzahl vertreten.

Die katholische Kirche nahm den lutherischen Brauch nur zögerlich an. Gedruckte Predigten auf einzelne Personen waren eigentlich nur dem Klerus und dem Adel gestattet.

2. Kataloge bzw. Register

Aus dem 19. Jahrhundert sind - wie bei den anderen alten Fachgruppen üblich - Bandkataloge vorhanden, die durch einen Anhang von Sonderbänden der Krauß'schen Sammlung ergänzt werden. 1903 übergab Pfarrer Krauß 330 Broschüren, meist einzelne gedruckte Predigten von Württembergern, die er 1909 um den dreifachen Bestand vermehrte. Dazu kam ein Magisterbuch, das handschriftlich von Krauß um die Angaben über die Pfarrfrauen erweitert worden ist. 1912 fügte seine Witwe das "weibliche Magisterbuch" [jetzt: Cod.hist.qt.441] hinzu (vgl. Karl Löffler: Geschichte der Württembergischen Landesbibliothek. Leipzig 1923. - S 214). Carl Eduard Krauß (1846-1912) war Stadtpfarrer in Ludwigsburg-Eglosheim. Er betrieb zeitlebens pfarrbiographische Forschungen.

a) In den 1950er Jahren hat man die Predigten wegen der Menge und der Schwierigkeit (im Altbestand) des Materials nicht nach den Preußischen Instruktionen katalogisiert, sondern hat nur die Namen der Gefeierten, also meist der Verstorbenen, in einem Register mit den biographischen Daten erfasst, die sich aus den Vorlagen ergeben. Darunter fallen die Signaturen Fam.Pr.oct.K. 1 - 20150.

Es handelt sich - abgesehen von den Sammelbänden - um Kapselschriften. Der Kapselvermerk ist nicht auf den einzelnen Stücken angebracht, wird jedoch wegen der Signaturensystematik und wegen der Auffindbarkeit im Magazin über das elektronische Ausleihsystem ausgedruckt.

Aus diesem Bestand ist ein Register auf braunen Karten im Abzugsverfahren mit Kurzangaben in zweifacher Fertigung bekannt:

·       als Alphabet der Namen der Gefeierten

·       als Standortkatalog (wurde 1979 im Dublettenmagazin entdeckt!)

Im Hauptstaatsarchiv befindet sich unter der Registernummer I67 ein Anhang: Karten zu der Leichenpredigtsammlung der Württembergischen Landesbibliothek und des Fürstlich-Hohenloheschen Archivs Neuenstein. Es handelt sich um Zettel in 14 Schachteln im Format DIN A5, die unseren Bestand Fam.Pr.oct.K. 1 - 20150 sporadisch erschließen, allerdings mit ergänzenden biographischen Angaben. Auf keinen Fall sind diese Zettel Kopien des alphabetischen Registers der WLB. Eventuell wurde die 1979 aufgefundene Titelkartenkopie vom Staatsarchiv benutzt und nach Gebrauch wieder zurückgegeben. Da das Alphabet auch Ordnungsprinzip des Bestandes ist, war das nach Standortnummern geordnete Register überflüssig.

b) Später wurde der Bestand Fam.Pr.oct.K. 20535 - 21030 (Nuptialpredigten) erschlossen, und zwar auf braunen Karten mit längeren Einträgen, die direkt mit großtypiger Schreibmaschine auf die Karte getippt wurden. Vereinzelt finden sich Ergänzungen auf weißen Karten.

c) Anfang der 1970er Jahre bearbeitete Hofrat Meyer die restlichen Bestände, wobei er weiße Karten und eine Perlschriftmaschine benutzte. Es handelt sich um die Signaturen Fam.Pr.oct.K. 20151 - 20204, ferner um 21031 - 23653 (Krauß'sche Sammlung u. a.)

d) Neuerwerbungen und Neukatalogisate hingegen sind im WLB-Katalog mit regelgerechten vollständigen Titelaufnahmen zu finden. Die Namen der Gefeierten können als beteiligte Personen unter "Autor" abgefragt werden.

Die Retrokatalogisierung und Digitalisierung der Familienpredigten ist im Gang (abgeschlossen v.a. bei adeligen bzw. fürstlichen Personen, Krauß'schen Sammlunge sowie Nuptialpredigten). Wegen der hohen Titelzahl ist aber nicht zu erwarten, dass in absehbarer Zeit der gesamte Bestand der Familienpredigten in den Online-Katalog konvertiert werden kann.

Die Fachgruppensignatur Fam.Pr... wird zugunsten von HBF ... oder ... /80000 nicht mehr benutzt.

e) Inzwischen ist das gesamte Zettelregister von dem Familienforscher Ralph Kunert digital erfasst worden und ist nach

  • Namen von Verstorbenen bzw. Ehemännern
  • Geburtsname von Frauen
  • Sterbe- bzw. Ehejahr
  • Orten
  • z. T. Berufen

Die Sammlung von Ralph Kunert ist über die Website des Vereins für Familienkunde in Baden-Württemberg e. V. recherchierbar:

Leichenpredigten im Bestand der Württembergischen Landesbibliothek

Auf die Angabe der Signaturen wurde wegen ihrer komplizierten Struktur verzichtet.

Leichenpredigt (Fam.Pr.qt.6)

Signatur / Inhalt

Sammelbände Fam.Pr.fol.1 - Fam.Pr.fol.78: Meist adelige oder fürstliche Personen

Sammelbände Fam.Pr.qt.1 - Fam.Pr.qt.45: Meist adelige oder fürstliche Personen

Fam.Pr.fol.K. 1-486: Meist adelige oder fürstliche Personen

Fam.Pr.qt.K. aus ...oct. ausgegliedert: Bürgerliche Personen

Fam.Pr.oct.K. 1-20150: Bürgerliche Personen

Fam.Pr.oct.K. 20151-20204: Umsignierte Bestände

Fam.Pr.oct.K. 20535-21030: Nuptialpredigten

Fam.Pr.oct.K. 21031-23195: Krauß'sche Sammlung

Fam.Pr.oct.K. 23201-23260: Kaiser und Könige

Fam.Pr.oct.K. 23261-23653: Fürstliche Personen

Fam.Pr.oct.K. 23654-23700: Umsignierte Bestände / Diverse Personengruppen

HBF ... und moderner Numerus Currens: Diverse Personengruppen

Anm.: Dubletten der Krauß'schen Sammlung zum alten WLB-Bestand liegen bei Fam.Pr.oct.K. 1-20150 als "a-Nummer" hinter dem ersten Exemplar.

Vorliegende Digitalisate von Familienpredigten der WLB.

3. Bestandsmengen und zeitliche Schichtung

Die zeitliche Verteilung spiegelt das Aufblühen und den Niedergang der eigentlichen Leichenpredigttradition (bis 1750) wieder. Es fällt auf, dass der größte Teil der Sterbe-, also Erscheinungsjahre in das 17. Jahrhundert fällt. Der Einbruch nach 1750 ist deutlich.

Die Forschungsstelle für Personalschriften im Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften der Universität Marburg zeichnet für einen

Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten (GESA)

verantwortlich, in den die Bestände der Stuttgarter Leichenpredigten (bis 1750), nicht der Nuptial- und sonstigen Predigten, mit eingegangen sind. Die für die Württembergische Landesbibliothek geltende Druckerablieferung im 19. Jahrhundert bringt die rapide Zunahme der einfachen Beerdigungspredigten von etwa 1870 bis etwa 1920 deutlich zum Ausdruck. Hinzu treten da auch die Ergänzungen durch die Krauß'sche Sammlung. Der eigentliche Anteil an Leichenpredigten und Nuptialpredigten des Zeitraums bis 1750 beträgt über 5000. Der Anteil bis 1850 steigt dann auf knapp 7000 Predigten.

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